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Deutsch Italienisch Interpretation:

Neunter Gesang: Zusammenfassung und Deutung

Dante und Vergil sind vor dem geschlossenen Tor. Diese Verse müssen wir interpretieren.

Des Kleinmuts Farbe, die mein Antlitz deckte
Als ich den Führer sah so traurig kehren
Trieb ihn, dass er die eigne Furcht versteckte

Er horchte aufmerksam, als ob belehren
Das Ohr ihn sollte, weil nicht in die Weite
Das Auge drang, dem Dunst und Qual zu wehren

Vergil hat zwar im achten Gesang die Ankunft des Engels vorausgesagt, ist aber nun, da er ihn nicht erblicken kann, verwirrt. Diese Angst überträgt sich auch auf Dante. Was Vergil nicht auszusprechen wagt, ist dass er selbst sich nicht mehr sicher ist, ob der Engel tatsächlich kommt.

Und deshalb fasste mich ein großer Schrecken
Weil ich argwöhnte, Schlimmeres noch, als offen Erkennbar, will sein Schweigen mir verstecken

Sein Schweigen versteckt ihm, dass auch Vergil selbst verunsichert ist.

Vergil teilt Dante auf dessen Frage hin mit, dass er schon einmal hier unten war und erfindet eine Geschichte, um Dante zu beruhigen, ihm also den Eindruck zu vermitteln, dass er sich hier auskenne, was er nicht tut. Er behauptet, schon einmal von der blutrünstigen Hexe Erichto hierher geschickt worden zu sein, um einen gefallenen Soldaten aus Judas Reich, also der Hölle zu befreien, damit dieser, die Verdammten in der Hölle können, zumindest in zahlreichen Beispielen aus der Odysee und der Äneis die Zukunft voraussagen, ihm mitteile, wie der Krieg zwischen Pompeius und Cäsar enden wird.

In diese Situation der allgemeinen Desorientiertheit treten nun die gräulichsten Monster der griechischen Mythologie auf den Plan: Die Erinnyen. Auch sie sind wieder Symbole für die Sünden, die in diesem Kreis der Hölle gesühnt werden. Alekto (die Unaufhörliche), Megaira (die Neidische) und Tisiphone (die Rächende). Ihre Entstehung finden wir ganz am Anfang der griechischen Mythologie. Uranos und Gaia zeugten Kronos, aber Uranos tötete seine Kinder, weshalb Gaia sie versteckte. Als Kronos älter war, entmannt er seinen Vater, Uranos, aus seinem ins Meer geworfenen Glied entsteht Aphrodite, aus den Blutstropfen aber die Erinnyen. Medusa , deren Kopf sie enthüllen wollen, um so Dante zu Stein werden zu lassen, ist eine der drei Gorgonen. Dass die Erinnyen nur noch den Kopf haben liegt daran, dass Perseus selbigen abgeschlagen hat, um so eine Aufgabe zu lösen, die König Polydektes ihm stellt zu erfüllen. Dieser wollte seine Mutter vernaschen, Danae, und Sohnemann war im Weg, folglich bekam er eine eigentlich unlösbare Aufgabe, denn eigentlich hätte ein Blick der Medus, eine der Gorgonen, in seine Augen gereicht, um Perseus zu Stein erstarren zu lassen. Vergil fordert ihn auf, die Augen zu schließen und vorsichtshalber bedeckt er sie nochmal mit seinen Händen.

In diesem Moment hebt ein mächtiger Donner an.

Schon überflog ein dröhnendes Gebrülle
Die trüben Wolken so, als ob vor Graus
Ein jedes Ufer tiefer Schreck erfülle

Der Donner ist der Vorbote des von Vergil erwarteten Engels. Der Kontrast zwischen dem allgemeinen Chaos und dem Engel ist frappierend. Dieser läuft über den Sumpf ohne sich die Füße zu beflecken, ist von dem ganzen Tohuwabohu ringsumher völlig unberührt. Ein kurzes Klopfen ans Tor reicht und es öffnet sich. Nach einer kurzen Verwarnung an die Bewohner des Teufels verschwindet er so schnell wie er gekommen war. Dante und Vergil können nun die Stadt Dis durchschreiten und erreichen so den sechsten Kreis der Hölle.


DIE HÖLLE: IX Gesang Inferno: IX CANTO
Des Kleinmuts Farbe, die mein Antlitz deckte,
Als ich den Führer sah so traurig kehren,
Trieb ihn, dass er die eigne Furcht versteckte.
Quel color che viltà di fuor mi pinse
veggendo il duca mio tornare in volta,
più tosto dentro il suo novo ristrinse.
Er horchte aufmerksam, als ob belehren
Das Ohr ihn sollte, weil nicht in die Weite
Das Auge drang, dem Dunst und Qualm zu wehren.
Attento si fermò com' uom ch'ascolta;
ché l'occhio nol potea menare a lunga
per l'aere nero e per la nebbia folta.
Er sprach: „Uns krönet d o c h der Sieg im Streite . . .
Wo nicht . . . . darf auf des Mächt’gen Wort ich pochen? . . .
Wie lang doch währt’s, bis er an unsrer Seite!“ –
«Pur a noi converrà vincer la punga»,
cominciò el, «se non... Tal ne s'offerse.
Oh quanto tarda a me ch'altri qui giunga!».
Ich merkte, dass er sich nur unterbrochen,
Um mir den Schlussgedanken zu verstecken,
Denn anders klang, was er zuerst gesprochen.
I' vidi ben sì com' ei ricoperse
lo cominciar con l'altro che poi venne,
che fur parole a le prime diverse;
Und deshalb fasste mich ein großer Schrecken
Weil ich argwöhnte: schlimmres noch, als offen
Erkennbar, will sein Schweigen mir verstecken. –
ma nondimen paura il suo dir dienne,
perch' io traeva la parola tronca
forse a peggior sentenzia che non tenne.
„Ward einer je im Schlund hier angetroffen,
Der hergeklommen wär vom ersten Grad,
Wo man nur leis beseufzt verlornes Hoffen?“
«In questo fondo de la trista conca
discende mai alcun del primo grado,
che sol per pena ha la speranza cionca?».
So ich. Und er: „Kaum einer wohl betrat
Der Unsern, die dem Vorhof auserkoren,
Den heut von uns beschrittnen Höllenpfad;
Questa question fec' io; e quei «Di rado
incontra», mi rispuose, «che di noi
faccia il cammino alcun per qual io vado.
Zwar i c h war einmal schon hierher beschworen!
Durch der Erichtho mächt’ge Zauberein,
Die Tote weckt, schritt ich zu diesen Toren.
Ver è ch'altra fïata qua giù fui,
congiurato da quella Eritón cruda
che richiamava l'ombre a' corpi sui.
Sie sandte mich, als ich von Fleisch und Bein
Kaum frei, zu einem Geist durch diese Mauern,
Um aus dem Judaskreis ihn zu befrein,
Di poco era di me la carne nuda,
ch'ella mi fece intrar dentr' a quel muro,
per trarne un spirto del cerchio di Giuda.
Dem himmelfernsten Ort, zu dessen Schauern
Sich niemals Sonnenstrahlen abwärts schwingen;
Vertraut ist mir der Weg: drum lass dein Trauern.
Quell' è 'l più basso loco e 'l più oscuro,
e 'l più lontan dal ciel che tutto gira:
ben so 'l cammin; però ti fa sicuro.
Von einem Sumpf, draus Stank und Stickluft dringen,
Ist dieser Schmerzenswohnort rings umwunden,
Zu dem Gewalt nur Einlass kann erzwingen!“
Questa palude che 'l gran puzzo spira
cigne dintorno la città dolente,
u' non potemo intrare omai sanz' ira».
Was er noch sprach, ist meinem Sinn entschwunden,
Weil mir der glühnde Turm, starr hinzuschauen,
Die Augen plötzlich schaudernd hielt gebunden.
E altro disse, ma non l'ho a mente;
però che l'occhio m'avea tutto tratto
ver' l'alta torre a la cima rovente,
Und droben aufgereckt – ich sah’s mit Grauen –
Drei blutbedeckte Höllenfurien standen,
Gebärde, Haltung ganz wie Erdenfrauen,
dove in un punto furon dritte ratto
tre furïe infernal di sangue tinte,
che membra feminine avieno e atto,
Nur dass die Hüften grüne Hydern banden,
Und dass, wo Haare sonst das Haupt umspinnen,
Sich ekelhafte Nattern ringelnd wanden!
e con idre verdissime eran cinte;
serpentelli e ceraste avien per crine,
onde le fiere tempie erano avvinte.
Mein Führer kannte wohl die Dienerinnen
Der Königin nieausgeweinte Zähren
Und sprach: „Sieh hier, die schrecklichen Erinnen!
E quei, che ben conobbe le meschine
de la regina de l'etterno pianto,
«Guarda», mi disse, «le feroci Erine.
Rechts weint Alekto, links siehst du Megären,
Dazwischen ist Tisiphone zu schauen!“
So hört ich meinen Führer mir’s erklären. –
Quest' è Megera dal sinistro canto;
quella che piange dal destro è Aletto;
Tesifón è nel mezzo»; e tacque a tanto.
Die Brust zerfleischten sie sich mit den Klauen
Und zu der Fäuste Schlägenscholl ihr Brüllen,
Dass ich mich drängte an Virgil vor Grauen.
Con l'unghie si fendea ciascuna il petto;
battiensi a palme e gridavan sì alto,
ch'i' mi strinsi al poeta per sospetto.
“Er werde Stein! Lasst uns das Haupt enthüllen
Medusens,“ schrien sie, Zornesblicke schießend,
„Dass wir des Theseus Los an ihm erfüllen!“ –
«Vegna Medusa: sì 'l farem di smalto»,
dicevan tutte riguardando in giuso;
«mal non vengiammo in Tesëo l'assalto».
„Dreh schnell dich um, fest zu das Auge schließend!
Wenn es bei Gorgos Anblick offen stände,
Du kehrtest nie zurück, das Licht genießend!“
«Volgiti 'n dietro e tien lo viso chiuso;
ché se 'l Gorgón si mostra e tu 'l vedessi,
nulla sarebbe di tornar mai suso».
So rief Virgil, der – dass er selbst mich wände –
Sich eilte und noch über m e i n e Hand
Mir auf die Augen legte s e i n e Hände.
Così disse 'l maestro; ed elli stessi
mi volse, e non si tenne a le mie mani,
che con le sue ancor non mi chiudessi.
Erwägt, die ihr begabt seid mit Verstand,
Die Lehre, die mit dünnen Schleiers Hülle
Geheimnisvoller Verse sich umwand!
O voi ch'avete li 'ntelletti sani,
mirate la dottrina che s'asconde
sotto 'l velame de li versi strani.
Schon überflog ein dröhnendes Gebrülle
Die trüben Wogen s o , als ob vor Graus
Ein jedes Ufer tiefer Schreck erfülle.
E già venìa su per le torbide onde
un fracasso d'un suon, pien di spavento,
per cui tremavano amendue le sponde,
Es klang wie beim Gewitter Sturmgebraus,
Wenn schwüle gegen kühle Lüfte wüten:
Den Forst zerpeitscht es, Äste reißt es aus,
non altrimenti fatto che d'un vento
impetüoso per li avversi ardori,
che fier la selva e sanz' alcun rattento
Rast ungehemmt, jagt vor sich Blatt und Blüten,
Und trabt mit Stolz, Staubwolken aufzuwerfen,
Dass bang die Herden fliehn und die sie hüten.
li rami schianta, abbatte e porta fori;
dinanzi polveroso va superbo,
e fa fuggir le fiere e li pastori.
Vom Aug nahm mir die Hand Virgil: „Die Nerven
Der Sehkraft kannst du dort am alten Schaume,
Wo Dunst am dicksten brodelt, wieder schärfen!“
Li occhi mi sciolse e disse: «Or drizza il nerbo
del viso su per quella schiuma antica
per indi ove quel fummo è più acerbo».
Wie Frösche angstvoll aus des Sumpfes Raume
Vor ihrer Feindin Schlange jäh zerstieben
Und dicht sich drängen an des Ufers Saume,
Come le rane innanzi a la nimica
biscia per l'acqua si dileguan tutte,
fin ch'a la terra ciascuna s'abbica,
So sah ich tausend Geister hergetrieben,
Ja mehr, vor einem, dem doch beim Durchschreiten
Des grausen Styx die Sohlen trocken blieben.
vid' io più di mille anime distrutte
fuggir così dinanzi ad un ch'al passo
passava Stige con le piante asciutte.
Vor seinem Antlitz scheuchte nur zuzeiten
Die schweren Dünste seine linke Hand;
Denn das nur schien ihm Unmut zu bereiten,
Dal volto rimovea quell' aere grasso,
menando la sinistra innanzi spesso;
e sol di quell' angoscia parea lasso.
Sonst schritt er stolz, wie himmelher-gesandt.
Zum Meister kehrt ich mich, doch auf sein Zeichen
Geneigten Haupts ich schweigsam vor ihm stand.
Ben m'accorsi ch'elli era da ciel messo,
e volsimi al maestro; e quei fé segno
ch'i' stessi queto ed inchinassi ad esso.
Das Antlitz schien gewaltger Zorn zu bleichen,
Er schlug nur leicht ans Tor mit einer Rute,
Da musst es jedem Widerstande weichen.
Ahi quanto mi parea pien di disdegno!
Venne a la porta e con una verghetta
l'aperse, che non v'ebbe alcun ritegno.
„Himmelverbannte, ewgen Trotz im Blute!“
So rief er auf der schreckensvollen Schwelle,
„Was führt euch zu vermessnem Übermute?
«O cacciati del ciel, gente dispetta»,
cominciò elli in su l'orribil soglia,
«ond' esta oltracotanza in voi s'alletta?
Was trotzt dem Willen ihr an höchster Stelle,
Den nichts vermag vom Ziele abzudämmen,
Der euch schon oft vermehrt des Schmerzens Quelle?
Perché recalcitrate a quella voglia
a cui non puote il fin mai esser mozzo,
e che più volte v'ha cresciuta doglia?
Wollt ihr das Schicksal widerspenstig hemmen?
Denkt an den Cerberus: ward Hals und Kinn
Nicht wund und kahl ihm durch sein töricht Stemmen?!“
Che giova ne le fata dar di cozzo?
Cerbero vostro, se ben vi ricorda,
ne porta ancor pelato il mento e 'l gozzo».
Und durch den Schlammpfad schritt er wieder hin!
Doch unser achtlos, schweigend ging er fort,
Als kreuzten größre Sorgen seinen Sinn
Poi si rivolse per la strada lorda,
e non fé motto a noi, ma fé sembiante
d'omo cui altra cura stringa e morda
Als Nichtigkeiten,wie sie vor ihm dort.
Wir setzten in die Stadt nun dreist die Schritte,
Geschirmt und sicher durch so heilges Wort,
che quella di colui che li è davante;
e noi movemmo i piedi inver' la terra,
sicuri appresso le parole sante.
Dass man des Eintritts Recht uns nicht bestritte.
Ich aber, - zu erkunden voll Verlangen,
Was wohl die Festung barg in ihrer Mitte, -
Dentro li 'ntrammo sanz' alcuna guerra;
e io, ch'avea di riguardar disio
la condizion che tal fortezza serra,
Als meine Blicke rundherum gegangen,
Konnt rechts und links ein weites Feld erschauen,
Von Qual und Foltern sonder Zahl umfangen.
com' io fui dentro, l'occhio intorno invio:
e veggio ad ogne man grande campagna,
piena di duolo e di tormento rio.
Wie sich bei Arles der Rhone Fluten stauen,
Wie bei Pola Quarnaros feuchtes Band
Welschland begrenzt, bespülend seine Auen:
Sì come ad Arli, ove Rodano stagna,
sì com' a Pola, presso del Carnaro
ch'Italia chiude e suoi termini bagna,
Wie Gräber hügelig machen dort das Land,
So auch vieltausend hier dem Blick sich boten,
Nur dass die Art viel bittrer hier sich fand;
fanno i sepulcri tutt' il loco varo,
così facevan quivi d'ogne parte,
salvo che 'l modo v'era più amaro;
Denn Flammen glühten um den Sarg der Toten,
Und setzten sie in so gewaltigen Brand,
Dass Schmiedeeisen niemals stärker lohten.
ché tra li avelli fiamme erano sparte,
per le quali eran sì del tutto accesi,
che ferro più non chiede verun' arte.
Jedweden Sarges Deckel offen stand,
Draus klangen herzzerbrechend Jammertöne,
Dass man des Fluches Schwere bald erkannt.
Tutti li lor coperchi eran sospesi,
e fuor n'uscivan sì duri lamenti,
che ben parean di miseri e d'offesi.
„O Herr,“ sprach ich, „wer sind die Unglückssöhne,
Die, eingesargt in diesen glühnden Zwingern,
Solch Wimmern hören lassen und Gestöhne?“
E io: «Maestro, quai son quelle genti
che, seppellite dentro da quell' arche,
si fan sentir coi sospiri dolenti?».
„Von Ketzern starrt, von höhern und geringern
Sektierern dies GEfild – und solcherart
Gint’s mehr hier, als du ahnst, von Irrtumsbringern;
E quelli a me: «Qui son li eresïarche
con lor seguaci, d'ogne setta, e molto
più che non credi son le tombe carche.
Sie liegen,“ schloss er, „gleich-zu-gleich gepaart,
Und mehr und minder glühn die Gräber innen.“
Er schritt nach rechts und unsre Wanderfahrt
Simile qui con simile è sepolto,
e i monimenti son più e men caldi».
E poi ch'a la man destra si fu vòlto,
Ging zwischen Martern fort und hohen Zinnen. passammo tra i martìri e li alti spaldi.
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