Dante mag die Päpste nicht, das ist bekannt. Offensichtlich ist aber Dante noch nicht davon überzeugt, dass wir das noch nicht begriffen haben, deshalb erzählt er es uns jetzt nochmal. Wir erfahren auch nochmal, dass die Menschen schlecht sind und die Erde ein Jammertal, was uns auch hinlänglich bekannt ist. Und natürlich gibt es wieder bittere Klagen über das Geschachere mit kirchlichen Ämtern und die Instrumentalisierung der Kirche für weltliche Belange. Der Autor sieht das jetzt natürlich eher aus ökonomischer Sicht. Solange es nur eine Kirche gibt, setzt diese einen Monopolpreis, der ist höher als der Polypolpreis. Die Lösung des Problems Dantes hätte also schlicht darin bestanden, unendlich viele Kirchen zu gründen, den Markt also polypolistisch zu organisieren. Das hätte auch den Ablasshandel sofort abgewürgt. Wenn man den Ablass bei 500 Kirchen kaufen kann, hätte dieses Angebot den Preis gedrückt und da im Polypol gilt, dass der Preis = Grenzkosten ist, die Grenzkosten aber Null sind, wäre der Ablass auf 0 Euro / Taler / Gulden / Fiorentin zusammengeschmolzen. Nicht klar? Ist doch ganz einfach. Wenn es unendlich viele Kirchen gibt, dann gibt es Ablässe wie Sand am Meer und Dinge, die es wie Sand am Meer gibt, haben nun mal keinen Preis. Weiter ergibt sich die Möglichkeit, die Kirche für weltliche Zwecke zu instrumentalisieren nur solange, wie es nur wenige davon gibt. Gibt es 500 davon, besteht diese Möglichkeit nicht mehr. Der Autor geht davon aus, dass dieser schlichte Tatbestand, wenn auch unbewusst, auch dem Ratzinger, Joseph und der katholischen Kirche bewusst ist. Ihre Macht leitet sich von ihrer Monopolstellung ab, sie hat, um es mal juristisch auszudrücken, eine marktbeherrschende Stellung auf die Versorgung der Bevölkerung mit Seelenheil und diese, die marktbeherrschende Stellung, zu brechen, ist eigentlich Aufgabe des Kartellamtes. Ein Unterschied zwischen Microsoft und der katholischen Kirche besteht eigentlich nur insofern, als Microsoft seine marktbeherrschende Stellung durch Leistung errungen hat, die katholische Kirche durch eine geschickte Indoktrination. Obwohl die katholische Kirche ganz ähnliche Ziele verfolgt wie Unternehmen, Verbände und Parteien, Macht, Einfluss, Gestaltungsmöglichkeit kommt niemand auf die Idee, sie im Sinne des Ordoliberalismus in ein Regelsystem einzubinden. Man vertraut darauf, dass sie eine zivile, rationale Gesellschaft eingebettet ist und Exzesse dadurch verhindert werden. Das zeitgenössische Klagen der kirchlichen Träger der Würde über die Finanzkrise, die Gier, maßlose Manager und was weiß ich klingt so ähnlich wie Dante. Tatsächlich haben wir aber kein moralisches Problem sondern ein Transparenz Problem. Damit irgendjemand das Problem systematisch lösen kann, müssten konkrete Vorschläge zur Lösung des Problems vorliegen und da diese dann als Bestandteil eine Pakets zur Wahl stehen, müsste auch eine Beurteilung der Lösungsvorschläge möglich sein. Der Hinweis auf die Gier nützt wenig, gierig sind wir alle. Als Aktionäre, als Besitzer von Sparguthaben, als Besitzer von Bundesobligationen und selbst auf das Geld auf dem Girokonto hätten wir gerne ein paar Euro Zinsen. Wir kaufen alle gerne billig ein, wir kaufen auch T-Shirts, die in Nicaragua zu weniger als Hungerlöhnen produziert werden. Deutschland leistet sich für 200 Millionen Euro ein „Kulturinstitut“ wie das Goethe Institut und zwar auch in Kontinenten, wo Millionen Leute an Trivialkrankheiten und Hunger sterben, weil man irgendwelches ausrangierte Personal mit irgendwas beschäftigen muss. Die Frage ist nicht, ob gierig oder nicht, die Frage ist, ob das Anreizsystem gesamtwirtschaftlich nützlich ist und wie man die Regeln so verändert, dass richtigen Anreize gesetzt werden. Das wiederum ist keine moralische Frage, sondern eine Sachfrage und um eine solche zu klären, bedarf es keiner Moralpredigten sondern Transparenz. Der Menschheit wäre mehr gedient, wenn der Ratzinger, Joseph einen fundierten Artikel über die wirtschaftlichen Zusammenhänge schreiben würde und wenn er das nicht kann, was der Fall ist, soll er einfach die Klappe halten. Auch die gegenwärtigen Krisen, wir schreiben das Jahr 2009, sind nicht geeignet, sich zur Motivierung der Herde Gottes und zur Ausrichtung auf das Jenseits instrumentalisiert zu werden. Der Blick auf das Jenseits wird auch nicht die technischen Innovationen hervorbringen, die nötig sind, um die Probleme zu lösen. Wir haben eine Journaille, die das sogenannte Bildungsparadoxon öffentlich vertritt. Dieses besagt, a) dass unter den gegebenen Rahmenbedingungen der Grenznutzen der Bildung sinkt, b) lediglich die Konkurrenz um die Arbeitsplätze, die lediglich mit einer höheren Bildung zugänglich sind verschärft wird und c) die Fokusierung auf Bildung bestimmte Bevölkerungsschichten systematisch benachteiligt. Erschreckend ist nicht, dass die Journaille das schreibt, die schreibt jeden Blödsinn, erschreckend ist, das dem nicht widersprochen wird. Das Grundproblem ist, das von einem Status Quo ausgegangen wird. Wenn es tatsächlich arbeitslose Ingenieure gibt, dann deswegen, weil sie zu schlecht ausgebildet sind. Wären sie gut ausgebildet, würden sie Unternehmen gründen und Arbeitsplätze für weitere Unternehmen schaffen. Hier ist also nicht das zuviel ein Problem, sondern das zu wenig. Statische Denker wie die Marx, Dante und die verbeamteten Geistlichen gehen von einer statistischen Welt aus. Weiter ist Bildung das einzige Gut, dessen Grenznutzen (in diesem Faller dem Grenzspaß) mit zunehmendem Konsum steigt. Je mehr man davon hat, desto mehr Zugang zur Welt hat man und desto mehr Handlungsoptionen. Wie man in einer Welt, die von breiten Schichten der Bevölkerung nicht mehr verstanden wird, ein Übermaß an Bildung konstatieren kann, ist ein Rätsel. Demokratie ist nur möglich, wenn die zur Entscheidung stehenden Optionen auch tatsächlich beurteilt werden können, andernfalls kann man auch würfeln. Dem Autor sind durchaus eine ganze Menge professorale Kadaver persönlich bekannt, die nicht richtig einsehen, dass die Bildungschancen drastisch erhöht werden müssen und er weiß auch, dass ähnlich gestricktes Personal auch durch die Schulen schlurft. Gepaart findet sich diese Einstellung oft mit totaler didaktischer Inkompetenz (inklusiv Vorlesungen in sturzbesoffenem Zustand), keine intellektuelle Weiterentwicklung nach der Übernahme ins Beamtenverhältnis, keinerlei Berufserfahrung. Und was er konkret erlebt im Zusammenhang mit den von der infos24 GmbH initialisierten e-learning Projekten grenzt an moralischer Verrottung. Da gibt es doch so manches Professorchen, dass einem mitteilt, dass e-learning keinen Sinn macht, man davon keine Ahnung hat, aber das Interesse auf einmal steigt, wenn sich staatliche Fördertöpfe, also der Zugriff auf Steuermittel, auftun. Die Reform der Universitäten hätte sich nicht mit den Namen beschäftigen sollen, es ist weitgehend wurscht, ob man das Ding Bachelor, Master, Diplom, Magister, Staatsexamen oder Banane nennt. Entscheidend sind die Inhalte. Aus einer Büchse Bohnen wird keine Büchse Linsen, nur weil man die Beschriftung ändert. Sinnvoller als der Austausch der Titel, wäre der Austausch des Personals gewesen. Wenn das konkrete Fachwissen und der technische Sachverstand vorhanden ist, darf man in das Bildungssystem ruhig Begriffe wie Hoffnung, Glück, Spaß, Möglichkeit, Dynamik, Kreativität einführen. Im Moment spielt das dort keine Rolle. Das Doppelstudium ist das Ziel, dafür muss das System aber effizienter werden, das heißt konkret, die Möglichkeiten, die sich durch e-learning bieten, massiv nutzen. Diese Begriffe sind es nämlich, die Menschen scharf auf mehr machen. Ein Bildungssystem, das Bildung weitgehend unter dem Blickwinkel der sozialen Auslese sieht, wobei diese auch noch von weitgehend unqualifiziertem Personal durchgeführt wird, wird sich kaum darüber wundern dürfen, dass eine Menge Finanzjongleure und Koffermännchen hervorgebracht werden und das Interesse, die Wirkung eigenen Handelns zu durchdenken, gegen Null geht, sogar als lächerlich empfunden wird. Die päpstliche Klage richtet sich jetzt an die „Gier“ der Manager, das liest er gerade in der Zeitung, dazu muss er dann auch was sagen. Viel interessanter als die Gier, wäre die Frage, wie eine Bundesregierung, die über Steuergelder fünf große Forschungsinstitute bezahlt und undendlich viele kleine, die meint, dass sie eine eigene wissenschaftliche Bibliothek braucht, die Aufgrund der Bilanzen, die ihr zwangsweise vorgelegt werden einen tiefen Einblick in die Wirtschaft haben müsste, von einer solchen Krise völlig überrascht werden kann? Nicht Gier ist das zentrale Problem, sondern gnadenlose Dummheit und Inkompetenz. Mit Gier und ähnlichem kann man sich befassen, allerdings allgemeiner. Die Verse Stefan Georges beschreiben das Problem allgemeiner, und allgemeiner ist es richtig.

Ihr nennt es euren Weg und wollt nicht ruhn
in trocknem Taumel rennend bis euch allen
statt Gottes rotem Blut, des Götzen Eiter
in den Adern rinnt
Päpste an sich sind ganz lustig, wir haben da auch mal ein Video gemacht.

http://www.spanisch-lehrbuch.de
Ohne Päpste, Köhlers und Merkels gäbe es keine Satire, das muss einfach sein.

Dem Vater, Sohn und Heiligen Geist erklang
Im ganzen Paradies ein Gloria – Singen,
Das rein berauscht ich war vom süßen Sang;

Im Original

"Al Padre, al Figlio, a lo Spirito Santo",
cominciò, "gloria!", tutto 'l paradiso,
sì che m'inebriava il dolce canto.

“Dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geiste”,
begann das „gloria!“, im ganzen Paradies,
so dass mich der süße Gesang berauschte

Gemeint ist also die Trinität, das spielt aus verschiedenen, wenn auch nicht recht nachvollziehbaren Gründen, in der Theologie eine Rolle. Zum einen, weil der heilige Geist sowohl im Neuen wie im Alten Testament auftaucht (…der Geist Gottes schwebte über der Erde…, also nicht Gott selber) und weil ein Bedürfnis bestand, zwischen den verschiedenen Tätigkeiten göttlichen Wirkens zu unterscheiden. Und auf das Lob dieser Trinität begann also ein Lied, dessen süßer Sang Dante BERAUSCHTE. Inebriare heißt tatsächlich berauschen. Wir haben also, nachdem es bisher immer hieß, dass die Erlebnisse, die er im Paradies behauptet erlebt zu haben , nicht zu schildern sind, zum ersten Mal einen Verweis auf den irrationalen Charakter derselben. Das geht auf jeden Fall mal in die richtige Richtung, denn was sich nicht schildern lässt, ist insofern tatsächlich „irrational“, als es supraindividuell nicht präzise nachvollzogen werden kann. Die Sätze der Trigonometrie sind rational, alle, die sie verstehen, verstehen darunter dasselbe. Handelt es sich aber um Inhalte, die auf das gesamte Bewusstsein abzielen, dann sind diese Erfahrungen nicht mehr supraindividuell vermittelbar. Egal ob es sich um Dichtung, bildende Kunst oder Musik handelt, die Kommunikation ist unscharf. Dass diese Werke „wahr“, also nicht kontingent sind, erfahren wir eigentlich nur , wenn sie „einschlagen“, bzw. viele Leute begeistern. Aber auch dann ist „Wahrheit“ relativ, denn wo und wie der Einschlag stattfindet, ist gesellschaftlich vermittelt. Richtig weiter sind wir damit allerdings auch nicht. Dichtung wäre es, wenn uns Dante einen Eindruck darüber vermitteln würde, wie ungefähr der Rausch aussah. Wenn wir in ein Museum für moderne Kunst gehen, und dort ein Bild sehen, auf dem lediglich steht „hier ist eine subtile Erfahrung abgebildet“ dann ist das nur einmal lustig. Gibt es in dem Museum nur Bilder dieser Art, dann fühlen wir uns irgendwann veräppelt. Dante sieht offensichtlich die Unfähigkeit der Sprache in nicht „rationale“, also auf das Gesamtbewußtsein abstellende Zusammenhänge vorzudringen. Dies hält er jedoch für einen Wesenszug der Sprach an sich. Das eigentliche Problem besteht aber eher darin, das ER nicht vordringen KANN.

Ein Weltallslächeln schien mich zu umringen,
Als ich die Wonnen wie in Trunkenheit
durch Ohr und Aug in mich fühlte dringen

Im Original

Ciò ch'io vedeva mi sembiava un riso
de l'universo; per che mia ebbrezza
intrava per l'udire e per lo viso

Was ich sah, erschien mir wie ein Lächeln
Des Universums; denn Trunkenheit durchdrang
Mich durch das, was ich hörte, und was ich sah

Hm. Ebbrezza heißt tatsächlich Rausch, Trunkenheit, Verzückung. Also wir haben ja schon seit dem Läuterungsberg den Eindruck, dass Dante einen ganz irren Pilz ausgegraben hat und waren uns auch nie sicher, ob die humanoiden Lebensformen nicht Halluzinationen sind. Es ist aber erst jetzt, dass er zugibt, dass er ein bisschen angetütert war. Mit dem Ausdruck Rausch, Trunkenheit werden jetzt zum erstenmal auch seine Erlebnisse etwas konkreter, bis jeden hatten wir ja immer nur Glanzlichter, die vor lauter Entzückung noch heller strahlten, Flammen, die liebesglutdruchdrungen waren, Musik, die unerhört (also noch nie gehört) schön war und tiefste Wahrheiten, die er uns dann aber nicht verraten hat, weil wir zu blöd sind, sie zu verstehen. Alles in allem eine recht abstrakte Beschreibung von Glückseligkeit. Jetzt wird es konkret. Es war ein Rausch. Darunter kann man sich was vorstellen, auch wenn der Begriff etwas vage ist. Betrachtet man das, was Dante bis jetzt geschrieben hat, würde man natürlich an einen Rausch denken, der durch Alkaloide hervorgerufen wurde. Bei dem Autor wirkt das zwar nicht, zumindest nicht „bewußtseinserweiternd“, dafür ist er wohl zu nüchtern und humorlos, er hat sich aber erzählen lassen, dass manche Leute nach Speed alle möglichen Lichter, merkwürdige Farben und Gestalten sehen. Im Grunde und generell ist wohl davon auszugehen, dass alle diese Substanzen, ob Alkaloide oder nicht, recht unspezifisch wirken. Alles ausblenden, was unangenehm ist und all das verstärken, was angenehm ist. Wer sie also nimmt, ist für nichts mehr zu gebrauchen. Der Rausch ist der Euphorie verwandt. Die Euphorie beruht auf einer verstärkten Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin. Die Euphorie kann also auch dann enstehen, wenn sachlich kein Grund für ein „Hochgefühl“ vorliegt. Einen solchen Zustand beschreibt ja auch Heinrich von Kleist.

Ich bin, ich weiß nicht was
Ich komme, ich weiß nicht woher
Ich gehe, ich weiß nicht wohin
Mich wundert‘ s, dass ich glücklich bin

Beim Thema Unfundhiertheit betreten wir allerdings einen Bereich, wo die Grenze zur Krankheit beginnt. Da Dante uns bis jetzt noch nie mitgeteilt hat, was es im Himmel so Faszinierendes zu erleben gibt noch hat erkennen lassen, dass seine Hoffnung, im Himmel das Reich der Seligen zu finden irgendwie begründet ist, ist seine Euphorie oder sein Rausch vollkommen unbegründet. Der gesunde Mensch, der etwas unbestimmt gut drauf ist, ist sich darüber im Klaren, dass noch nicht alle Probleme gelöst sind. Der kranke Mensch, wird versuchen, die unmotivierte Euphorie sachlich zu begründen. Dieses Krankheitsbild liegt bei Dante vor. Er ist im paradiesischen Jammertal gelandet, wo unendliche viele Leute, reichlich irre Vorträge halten und ein Szenario hochgezogen wird, das man eigentlich nur von Militärparaden und Parteitagen kennt. Ähnlich wie auf Parteitagen der SED oder NSDAP ist das Brimborium zwar gewaltig, die Reden pathetisch, wenn auch weitgehend sinnfrei, aber das Glück und die Euphorie gewaltig. Diese Art von Rausch ist auf jeden Fall ein Krankheitsbild, denn eine Fundierung in der Realität ist nicht zu erkennen. Ganz im Gegenteil, der Rausch negiert hier die Realität. Dass Dante hier den Rausch, die ebbrezza, nennt ist schon sehr eigenartig.

O namenlose Lust! O Seligkeit!
Vollkommenes, friedensvolles Liebesleben!
O sichrer Reichtum, jedem Wunsch gefeit

Im Original

Oh gioia! oh ineffabile allegrezza!
oh vita intègra d'amore e di pace!
oh sanza brama sicura ricchezza!

Oh Freude! Oh unbeschreibliche Seeligkeit!
Oh ganz der Liebe und dem Frieden geweihtes Leben!
Oh sicherer Reichtum, wo kein Wunsch unerfüllt!

hm. Bekanntlich gibt es ja die sehr berühmte Ode an die Freude, von Friedrich Schiller, die ja bekanntlich, auch weil sie Beethoven in Musik gesetzt hat, Millionen und Abermillionen von Menschen fasziniert, quer über den ganzen Globus. Warum reisst die Ode von Schiller viele Leute mit und warum klingt das Terzinchen von Dante so ähnlich wie „Alle meine Entchen“? Der erste Unterschied besteht darin, dass Dante die Freude als Endzustand sieht, nicht als treibende Kraft. Der zweite ist die Abstraktheit der Formulierung. Wesentlich Merkmal der Freude ist, dass sie ein Zustand ist, wo alle wunschlos glücklich sind. Das kann er auch im irdischen Jammertal haben. Er kann in ein Franziskaner Kloster gehen, sich den ganzen Tag kasteien und keine Wünsche mehr haben. Verliebt ist er nicht in das große Gelingen, sondern in den Stillstand, bzw. der große Stillstand ist das Gelingen. Das ist abartig. Das Gegenteil davon ist Schillers Ode, hier ist Freude die treibende Kraft, sie ist ins gewaltige Gelingen verliebt.

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligthum.
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng getheilt;
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.
Das ist nicht mehr der Dahrendorf Quark mit Unterschicht, Mittelschicht, Oberschicht und diesem ganzen Kram, der sogar bedauerlicherweise Eingang in Schulbücher gefunden hat, hier wird der ganze große Wurf anvisiert, der deutlich erotischer ist als eine Klassengesellschaft, egal ob sie Thomas Mann, Theodore Dreiser, Dostojewky oder Zola malt. Schiller meint die ganz große Party.

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder - überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.
Den mag es da wohl geben, den lieben Gott im Jenseits. Aber die herrliche Randale findet hier unten statt.

Freude heißt die starke Feder
In der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder
In der großen Weltenuhr.
Blumen lockt sie aus den Keimen,
Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen,
Die des Sehers Rohr nicht kennt.
Die Freude ist nicht der Endzustand, sie ist die treibende Kraft. Die enorme Popularität dieser Ode schon zu Schillers Lebzeiten, lässt wohl den Schluss zu, dass das vielen Leuten einleuchtet.

Vor meinen Augen standen glutumgeben
Die Fackeln, alle vier, doch heller wieder
Sah ich‘ s im erstgekommenen Licht sich heben:

Im Original

Dinanzi a li occhi miei le quattro face
stavano accese, e quella che pria venne
incominciò a farsi più vivace,

Vor meinen Augen standen die vier Gesichter
in Flammen, und die, du zuerst gekommen
begann noch lebendiger zu leuchten

Die vier Flammen sind Petrus, Jakobus, Johannes und Adam. Als erster war Petrus gekommen und da dieser jetzt eine Philippika gegen seine Nachfolger auf dem heiligen Stuhlgang halten wird, fängt er jetzt wieder an zu leuchten. Bei den nicht humanoiden Lebensformen ist das so. Die freuen sich immer, wenn sie was zu erzählen haben und geben ihrer Freude dadurch Ausdruck, dass sie ihre Leuchtkraft um ein paar Watt erhöhen.

In solchem Schimmer strahlte Zeus hernieder,
Wenn er und Mars – zu Vögeln rasch geworden-
Vertauschen könnten auch ihr Lichtgefieder

Im Original

e tal ne la sembianza sua divenne,
qual diverrebbe Iove, s'elli e Marte
fossero augelli e cambiassersi penne

und dergestalt ward seine Erscheinung, dass
sie der Jupiters gliche, wenn er und Mars,
so diese Vögel wären, die Federn tauschten

??? Das läuft darauf hinaus, dass er aussieht wie Mars. Denn wenn Jupiter
unter der hypothetischen Annahme, dass er ein Vogel wäre, mit dem hypothethisch als Vogel vorgestellten Mars die Flügel tauscht, sieht er schlicht aus wie Mars. Man könnte aus der Terzine auch eine Unzine machen.

Er sah aus wie Mars

Wir konnten oben die Frage, um welchen Rausch es sich handelt, nicht klären. Rausch kann ja auch eher geistig sein, so wie im Roman von Stefan Zweig, Rausch der Verwandlung, kann also durchaus auch eine tiefe und begründete Erregung ausdrücken, vielleicht wie wenn man in ein fremdes Land reist und sich dort verliebt oder sowas. Aber Dante war schlicht besoffen. Es war kein Rausch, es war ein Vollrausch und im Vollrausch, das weiß der Autor nach seiner Taxifahrerkarriere, erzählen die Leute einen sagenhaften Schwachsinn.

Die Vorsicht, die im heiligen Himmelsorden
Allen verteilt und ablöst Dienst und Amt,
Gebot jetzt Schweigen rings den Dankakkorden

Im Original

La provedenza, che quivi comparte
vice e officio, nel beato coro
silenzio posto avea da ogne parte,

Die Vorhersehung, die dort zuteilt die
Reihenfolge in die Pflicht erfüllt
wird, befahl Schweigen überall

Das ist im Paradies so, bevor etwas wichtiges gesagt wird, jetzt also Philippika 1000 + X gegen die Päpste, muss Ruhe herrschen.

Und ich vernahm: „Siehst du mich schamentflammt,
So staune nicht, bei meiner Worte Töne
Erröten auch bald diese allesamt

Hm. Das geht wieder auf das Konto nicht humanoide Lebensformen. Die schämen sich auch für Dinge, mit denen sie rein gar nichts zu tun haben, so reinen Herzens sind sie.

Er – der da unten protzt auf meinem Throne,
Ja, meinem, meinen Thron sich macht zunutze
Der leer vom Antlitz steht von Gottes Sohne

Lässt stinken meine Ruhestatt im Schmutze
Und Blut, dass drob sich freut im Höllenschlunde,
Der drunten liegt zur Strafe meinem Trutze!

Im Original

Quelli ch'usurpa in terra il luogo mio,
il luogo mio, il luogo mio, che vaca
ne la presenza del Figliuol di Dio,

fatt'ha del cimitero mio cloaca
del sangue e de la puzza; onde 'l perverso
che cadde di qua sù, là giù si placa»

Jene, die meinen Platz besetzen auf
der Erde, meinen Platz, der verwaist
Weil Gottes Sohne nicht auf Erden,

meine Grabstatt hat er verwandelt zur Kloake des
Blutes und des Gestankes; worüber der Perverse
der von hier stürzte, dort unten sich freut

Jene sind die Päpste, die haben heiligen Stuhl, der ja eigentlich der Stellvertreter Gottes auf Erden ist, zur Kloake gemacht. Darüber freut sich der Perverse, also Luzifer, der ja aus dem Himmel in die Hölle gestürzt wurde, der kriegt nämlich jetzt einen neuen Sünder. Ob er das allerdings tatsächlich tut, wissen wir nicht, denn es gibt ja soviele Sünder jedes Jahr, dass es zu einem logistischen Problem wird, die alle richtig zu quälen.

Und wie zur Morgen – oder Abendstunde
Die Wolken rings in Sonnenröte prangen,
Färbte der Himmel sich im tiefsten Grunde;

Im Original

Di quel color che per lo sole avverso
nube dipigne da sera e da mane,
vid'io allora tutto 'l ciel cosperso

Mit jener Farbe, mit der die untergehende Sonne
Am Abend und am Morgen die Wolken bemalt,
sah ich nun den Himmel ganz bedeckt

Rätsel, über Rätsel. Die Farbe ist natürlich purpurrot, wie die Schamesröte. Warum er hierfür so ein kompliziertes Bild nimmt, ist schleierhaft, er hätte ja auch die Tomate nehmen können.

Mit der Farbe jener Frucht die unentbehrlich
der Spaghetti, so sie Bolognese heißen,
ward der Himmel ganz bedeckt

Das ist aber nicht das einzige Problem. Dante schildert uns, dass der Himmel vor Scham rot wird, ob der auf der Erde begangenen Sünden. Natürlich kann man Landschaften einsetzen, als Beschreibung eines Gemütszustandes, die Beispiele sind ja Legion.

 

Der Wald steht schwarz und schweiget
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar

Matthias Claudius

Oder eben das berühmte von Goethe.

Über allen Wipfeln ist Ruh,
über allen Gipfeln spürest
du kaum einen Hauch
Die Vöglein schweigen im Walde
Wart‘ nur, bald ruhest du auch

In diesen Gedichten und in zehntausend anderen drückt die Landschaftsbeschreibung den Gemütszustandes des dichtenden Subjekts aus. Das ist dem Autor bis jetzt immer als so selbstverständlich durchgerutscht, dass er noch nie darüber nachgedacht hat. Allerdings hat er sich bis jetzt auch nur mit Lyrik beschäftigt, die tatsächlich von Dichtern geschrieben wurde, also nicht von so Leuten wie Dante. Das Problem ist, dass Sprache als „künstlerisches Material“ nur schwach motiviert ist. Dichtung hat keinen „handwerklichen“ Aspekt, der, so das Handwerk beherrscht wird, immerhin noch Kitsch produziert, wenn ins Leere verwiesen wird, also ein Surrogat von Inhalt, wie das bei der Musik oder Malerei der Fall ist. Zielt Dichtung ins Leere, dann zielt sie eben ins Leere, es stehen dann irgendwelche aneinandergereihten Wörter auf dem Papier. Dichtung kann also nur wahr sein, wenn sie authentisch ist. Bei Musik hat das „Material“ selbst noch Inhalt, man kann Musik, in gewissem Umfang, „produzieren“. Dichtung ist auf das um Authentizität ringende Subjekt angewiesen. Was genau passiert, ist aber im Grunde ein Rätsel.

Die Stadt (Theodor Storm)
Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.
Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn' Unterlass;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.
Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.
Nimmt man dieses Gedicht, dann ist klar, dass Theodor Storm eine sehr klare, sprachlos vorliegende, Vorstellung von der Stimmung hatte, die er ausdrücken wollte und diese versuchte er in Worte einzufangen und dadurch, dass er die Landschaft belebt, hebt er ihre Entfremdung auf und transzendiert sie. Das Objekt erlangt für das Subjekt eine Bedeutung, die über das bloße „da sein“ hinausgeht. Die Landschaft steht dem Subjekt nicht mehr bedeutungslos gegenüber, sondern ist Teil seiner Identität. Dante fehlt nun alles. Das um Authentizität ringende Subjekt ist bei ihm ersetzt, durch irgendeinen Ideologiequark an den er sich klammert wie der Finanzbeamte an die Jahresabschlussbilanz und die G.u.V, das Objekt, das ins Subjekt hineingezogen werden soll, befindet sich im Himmelreich, an einer Transzendierung des Himmelreiches ist keiner Interessiert, das ist ohnehin schon ganz schön transzendent, um nicht zu sagen abstrakt. Wir wollen Dante nicht jede Fähigkeit zur dichterischen Produktion absprechen, wir konzedieren durchaus, dass er sich einfach verrannt hat. Es fällt auf, dass es im Grunde immer die gleichen Stellen sind, die aus der Divina Commedia zitiert werden, nämlich diese beiden.

Auf halbem Wege unsers Erdenlebens
Musst ich in Waldesnacht verirrt mich schauen,
Weil ich den Pfad verlor des rechten Strebens.

Wie hart ist doch die Schildrung dieses rauen,
Verwachsenen wilden Waldes, voll von Schrecken;
Noch heute schafft Erinnrung mir solch Grauen,

1. Gesang Hölle

Der Tag entwich, die Dämmerung brach ein;
Sie nahm den Wesen, die auf Erden leben,
All ihre Mühsal ab – und ich allein

Hielt mich bereit, das Ringen anzuheben
Mit Wegesmüh und Mitleid: hiervon sei
Getreulich ein Erinnrungsbild gegeben! –

2. Gesang Hölle

Diese beiden (und noch ein paar wenige andere, wie etwa die Paolo und Francesca Episode) haben auch viele Italienier tatsächlich im Kopf. Hier haben wir tatsächlich den Eindruck, dass darum gerungen wird, einem vorhandenen Gemütszustand Ausdruck zu verleihen. Die Bilder sind suggestiv, die Sprache authentisch (was im übrigen auch bewirkte, dass Zoozmann sie sprachmächtig übersetzt hat, je abstrakter es wird, desto impotenter wird die Sprache), dreht nicht im Leerlauf. An dieser Stelle ist Dante aber noch auf der Erde. Je weiter er sich von dieser entfernt, desto mehr schwächelt das. Dichtung ist vor allem eine Transzendierung der Welt, macht die Objekte bedeutsam, löst sie aus ihrer Stummheit, zieht sie in das Subjekt hinein, so dass sie uns nicht mehr fremd gegenüberstehen.

Ruht ein Lied in allen Dingen
Die da singen fort und fort
und die Welt hebt an zu singen
Findst du nur das Zauberwort

Über Abstrakta, jenseits dieser Welt, kann es keine Dichtung geben. Transzendieren kann man nur die Welt, das Jenseits ist abstrakt. Dichten über das Jenseits ist notwendigerweise unauthentisch und abstrakt, weil es kein Objekt gibt, das ins Subjekt hineingezogen werden könnte. Die an den Haaren herbeigezogenen Bilder und Vergleiche, das leere Wortgeklingel, die im Leerlauf drehende Sprache, die Abwesenheit eines Subjekts sind letztlich Ausdruck eines Konstruktionsfehlers.

Und wie auf eines züchtgen Weibes Wangen-
Das rein im Herzen, um ein fremd Vergehen
Beim Hören schon erschrickt – sich malt mit Bangen,

Sah ich verwandelt Beatricen stehen:
So glaub ich, war – als Gott am Kreuz gelitten-
Die himmlische Verfinstrung anzusehen

Mit dem Himmel, der sich verfinsterte, wird Bezug genommen auf z.B. das Markusevangelium 15, 31 ff:

Desgleichen die Hohenpriester verspotteten ihn untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat anderen geholfen, und kann sich selber nicht helfen. Ist er Christus und König in Israel, so steige er nun vom Kreuz, daß wir sehen und glauben. Und die mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch.
Und nach der sechsten Stunde ward eine Finsternis über das ganze Land bis um die neunte Stunde.
Und um die neunte Stunde rief Jesus laut und sprach: "Eli, Eli lama asabthani?" das ist verdolmetscht: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Dann sprach er weiter, doch verändert schritten
Die Worte jetzt im Einklang mit der Glut,
Vom Schwert des Zornes beide gleich durchschnitten:

„Für Christi Braut verströmte nicht mein Blut,
Noch hat des Linus, Cletus Blut sie nähren
Gewollt, dass man sie braucht um schnödes Gut!

Auch gaben, dass sie hier einst selig wären,
Sixtus, Calixt, Pius, Urban zum Pfand
Ihr heilig Blut in Martern hin und Zären

Im Original

Poi procedetter le parole sue
con voce tanto da sé trasmutata,
che la sembianza non si mutò piùe:

«Non fu la sposa di Cristo allevata
del sangue mio, di Lin, di quel di Cleto,
per essere ad acquisto d'oro usata;

ma per acquisto d'esto viver lieto
e Sisto e Pio e Calisto e Urbano
sparser lo sangue dopo molto fleto

Dann fuhr er fort, jedoch mit so geänderter
Stimme, dass kein Unterschied mehr war,
zwischen dem äußeren Erscheinungsbild und ihr

„Die Braut Jesu ward nicht gegründet durch
Mein Blut, das von Linus, von Cletus,
um dann gegen Gold gekauft werden zu können,

sondern um eingetauscht zu werden durch
seliges Leben haben Pio, Calisto und Urban
Ihr Blut vergossen nach langem Leid

Die erste Terzine (Dann fuhr er fort…) ist nun ein bisschen rätselhaft. Gemeint ist wohl, das Beatrice jetzt so grimmig aus der Wäsche schaut, dass die grimmige Stimme dazu passt. Die drei dann genannten, Petrus (das ist der, der den Vortag hält), Linus und Cletus (auch und üblicher Anaklet) sind die ersten drei Päpste. Außer von Petrus, was ihn betrifft so berichtet der oben bereits erwähnte Eusebius von Caesarea darüber, ist nicht bekannt, dass sie den Märtyrertod erlitten hätten. Gesicherte Kenntnisse gibt es weder über Linus noch über Cletus. Soll um etwa 79 nach Christus in Rom gestorben sein. Bischof
ist er zwischen 64 und 67 nach Christus geworden. Cletus (oder Anaklet) starb etwa 88 nach Christus in Rom. Vermutlich entnahm Dante seine Kenntnisse der Kirchengeschichte des Eusebius. Petrus, Linus und Cletus folgten aber, zumindest nach einigen Aussagen, noch aufeinander, Pio (Pius I), Calisto (Calixtus I) und Urban folgen nicht aufeinander. Was Dante veranlasst hat, diese drei herauszugreifen ist ein Rätsel. Pius I starb um 155 nach Christus in Rom. Kalixt I war Bischof von 217 bis 222. Über ihn gibt es ein paar Daten mehr, weil er eine Rolle im ersten Schisma der katholischen Kirche spielte und sein Gegenspieler Hippolytus über ihn berichtete. Er soll nach dessen berichten Geld fremder Leute verloren haben (damals machten die Päpste das noch richtig, sie jammerten nicht über die Finanzkrise, sie verursachten sie, sie wussten also wenigstens von was sie redeten). Urban I war Bischon von Rom von 222 bis 230. Auch er ist bei Eusebius erwähnt. Dass er sein Blut für irgendetwas vergossen hätte, insbesondere nach langen Qualen, steht aber nirgends.

Wir wollten nimmermehr, dass rechter Hand
Von uns ein Teil des Christenvolks erschien,
Indes ein andrer links vom Stuhl sich fand;

Noch dass der Schlüsselbund, der mir verliehn,
Auf einem Banner – das in Schmach und Nöte
Die Gläubigen führt – als Kriegzeichen dien

Im Original

Non fu nostra intenzion ch'a destra mano
d'i nostri successor parte sedesse,
parte da l'altra del popol cristiano;

né che le chiavi che mi fuor concesse,
divenisser signaculo in vessillo
che contra battezzati combattesse;

Es war nicht unsere Absicht, dass zur Rechten
Dessen der uns folgt eine Teil der Christenheit
Und auf der anderen Seite der andere steht

und auch nicht, dass die Schlüssel die mir
übergeben auf dem Banner prangen
der gegen Getaufte zu Felde zieht

Die erste Terzine (Es war nicht unsere Absicht…) stellt auf die Aufspaltung der italienischen Gesellschaft (im 14 Jahrhundert) in papsttreue Guelfen und kaisertreue Ghibellinen ab, wobei diese Parteibildung eine Vereinfachung ist. Weiße Guelfen kämpften zusammen mit den Ghibellinen gegen die schwarzen Guelfen, je nach Interessenslage war man mal Parteigänger mal der einen, mal der anderen Partei, viele wünschten sich Unabhängigkeit sowohl vom Papst wie auch vom Kaiser, von schwarzen Guelfen dominierte Städte bekriegten andere von schwarzen Guelfen dominierte Städte etc. etc.. Die Frage papst- der kaisertreu war lediglich Ausdruck eines tiefer liegender Konflikte. Die zweite Terzine stellt auf die Tatsache ab, dass die päpstlichen Truppen, wobei dieser im übrigen wenig Truppen hatte, meist veranlasste er die Truppen anderer für ihn ins Feld zu ziehen, sich hinter dem mit einem Schlüsselbund dekorierten Banner sammelten. Einen Schlüsselbund hat er bis zum heutigen Tag. Das Aussehen ändert sich von Zeit zu Zeit, aber ein Schlüsselbund ist immer drin.

An sich ist das Gedöns mit den Schlüsseln im Evangelium des Matthäus, 16, 19 beschrieben.

Und ich will dir des Himmelsreichs Schlüssel geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.

Der Papst hält also die Schlüssel zum Himmelreich, weil man nur über die sieben Sakramente (Taufe, Firmung, Eucharistie, Beichte, Krankensalbung, Priesterweihe, Ehe) von der Erbsünde erlöst wird und diese stiftet ja nur die katholische Kirche. An sich braucht man dafür, wenn überhaupt, ja nur einen Schlüssel. Den zweiten braucht man, wegen dem binden und lösen. Die Kirche bindet die Schafe an das das Wort Gottes, weil die Schafe aber nun mal etwas dusselig sind, kapieren sie den Inhalt nicht, deswegen bindet die Kirche mit dem zweiten Schlüssel nicht nur, sondern löst auch, das heißt erklärt, was in der Bibel steht. Der Autor kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Botschaft Gottes derart verschlüsselt ist, das die üblicherweise eingesetzten Verschlüsselungsalgorithmen im Internet, die ja in den USA mal als militärisch relevant eingestuft und nicht exportiert werden durften, der glatte Kinderkram sind. Dass Quark den Leuten nicht das Hirn zertrümmert kann eigentlich nur daran liegen, dass kein Mensch den Quatsch ernst nimmt.

Raubgierig schleichen aus des Dunkels Tiefe
In Hirtenkleidern Wölfe auf die Weiden -
O dass der Zorn des Herrn nicht länger schliefe!

Im Original

In vesta di pastor lupi rapaci
si veggion di qua sù per tutti i paschi:
o difesa di Dio, perché pur giaci?

Im Kostüm des Hirten sieht man da
unten überall wilde Wölfe, o Gottes
Schutz, warum liegst du so danieder

Das hatten wir schon. Dante kann über die Gier der Ärzte klagen, wie der jetzige Papst über die gierige Finanzakrobaten. Nützen wird das nichts. Das Problem liegt im System. Es macht auch wenig Sinn, über den Ratzinger, Joseph zu jammern (tut ja auch niemand, ist ja Realsatire), sich über dessen Invektiven gegen Homosexuelle, Empfängnisverhütung, Aids, den Islam, Giert etc. etc. zu beklagen. Vor kurzem rief er ja auch die Apotheker dazu auf, den Verkauf der Pille aus Gewissensgründen zu verweigern
(http://www.spiegel.de).
Das ist ganz lustig und als Realsatire auch ok. Wöllte man aber ernsthaft den Berufsatiriker in diesem Land ihre Steilvorlage nehmen, dann müsste man den ganzen wirren Haufen abschaffen. An der Spitze eines wirren Haufens wird ein Verwirrter stehen, das ist doch logisch. Es ist ein systembedingtes Problem, uns Ratzinger ist da eigentlich völlig unschuldig. Zwar ein bisschen blöd, dass ein deutscher Papst dem italienischen Parlament erklären will, was es zu tun hat, aber dass der deutsche Papst eine Sache ist und die Bundesrepublik Deutschland was anderes, das kriegen die Italiener schon gepeilt. Allerdings ist der Papst noch aus einem anderen Grunde etwas verwirrt. Mit drei Jahren Pflichtlektüre Divina Commedia in der Schule, ist ja praktisch garantiert, dass in Italien flächendeckend der Versuch gemacht wird, die Italiener im Sinne des einzig wahren Glaubens zu erziehen. Vermutlich wird das aber die ragazzi und ragazze nicht davon abhalten, ordentlich Party zu machen da unten.

Der Basker und Cahorse, diese beiden,
Sind lüstern schon nach meinem Blut – welch Ende
Voll Schmach muss doch ein guter Anfang leiden

Im Original

Del sangue nostro Caorsini e Guaschi
s'apparecchian di bere: o buon principio,
a che vil fine convien che tu caschi!

Der von Cahors und der Cascogner schicken sich
schon an vom Blut zu trinken: Oh guter Anfang,
zu welch schlimmen Ende führst du

Gemeint sind die Päpste Johannes XXII (der stammt aus Cahors) und Clemens V (der stammt aus Villandraut, in der Gascogne / Südwesten Frankreichs). Geboren wurde Johannes XXII in Cahors, etwa 100 km östlich von Bordeaux, er starb 1334 in Avignon. Er war der este Papst, der seine gesamte Zeit als Papst in Avignon verbrachte. Es gibt wohl mehrere Gründe, weswegen Dante ihn nicht mochte.
Nach seinem Studium der Medizin (was ihn etwa dem heutigen Metzgermeister entspricht) und der Rechtswissenschaften (das entspricht durchaus noch dem heutigen Jurastudium, der Erkenntnisfortschritt war wohl nicht so gewaltig) war er unter Karl II von Anjou und dessem Sohn Robert I, die hatten wir schon, die mochte Dante gar nicht, Kanzler von Neapel. Das war der erste Punkt. In der internen Auseinandersetzung der Franziskaner wandte er sich gegen die Spiritualen, also gegen die, die absolute Armut forderten. Dante fand aber die Spiritualen besser, also kein Besitz und Wasser und Brot. Das war der zweite Punkt. Des weiteren belegte er noch ständig den Wittelsbacher Ludwig IV mit Kirchenbann, das mochte Dante wohl auch nicht und um den Horror perfekt zu machen, weilte er auch noch die ganze Zeit in Avignon und nicht in Rom. Clemens V, geb. 1250 in Villandraut (etwa 40 km südlich von Bordeaux) und starb 1314 in Avignon. Er verlegte den Sitz des Papstes von Rom nach Avignon. Bei seiner Wahl hatte Phillip IV, der Schöne, seine Hand mit ihm Spiel. In sein Papstum fällt auch die Zerschlagung des Templerordens, bei der er Phillip IV zuarbeitete.

Jedoch die Allmacht, die für Rom behende
Die Weltmacht sichern ließ in Scipios siegen
Ich ahne, dass sie bald uns Hilfe sende!

Im Original

Ma l'alta provedenza, che con Scipio
difese a Roma la gloria del mondo,
soccorrà tosto, sì com'io concipio;

Doch die Vorhersehung, die mit Scipio
In Rom den Ruhm der Welt verteidigte,
wird bald zur Hilfe eilen, ich sehe es schon

Gemeint ist wahrscheinlich Scipio Africanus, der gegen die Karthager kämpfte. Was Dante nun geritten hat, bei jemandem, der 200 Jahre vor Jesus Christus lebte das Walten der göttlichen Vorhersehung festzustellen, ist ein Rätsel. Unter Umständen sieht Dante ein historisches Kontinuum, das unaufhaltsam dazu führte, dass das Zentrum des einzig wahren Glaubens in Italien liegt.

Zwang dich mein Sohn, erst von den Himmelstiegen,
Die Erdenlast hinab – von meinem Zorne
Verschweige nichts, wie ich auch nichts verschwiegen

Im Original

e tu, figliuol, che per lo mortal pondo
ancor giù tornerai, apri la bocca,
e non asconder quel ch'io non ascondo

und du mein Sohn, der der durch das Gewicht des
Sterblichen noch einmal wirst nach unten kehren,
öffne den Mund und verstecke das nicht, was auch ich nicht verstecke

Da können wir in beruhigen, den Petrus, das hat er nicht gemacht der Dante, uns irgendwas verheimlicht. Ganz im Gegenteil, er hat uns etwa 10 000 Mal erzählt, dass die Päpste schlecht sind.

Wie Flocken aus der Luft gefrornem Borne
Herniederscheien, wenn zur Sonne rückt
Die Himmelsziege mit dem Doppelhorne,

So sah ich rings den Äther ausgeschmückt
Mit Flammenflocken, die sich aufwärts hoben
Samt Christi Jüngerschar, triumphentzückt

Im Original

Sì come di vapor gelati fiocca
in giuso l'aere nostro, quando 'l corno
de la capra del ciel col sol si tocca,

in sù vid'io così l'etera addorno
farsi e fioccar di vapor triunfanti
che fatto avien con noi quivi soggiorno

Wie wenn gefrorener Dunst in unseren Gefilden
Niederschwebt, wenn das Horn der Ziege des
Himmels die Sonne berührt,

so sah ich zur Zierde des Äthers Dunst
Des Triumphes sich verwandeln und schweben
die an jenem Ort zuerst mit uns verweilt hatten

Die Sache ist ganz einfach. Die liebesdurchzuckten Glanzlichter schwebten als triumphierender Dunst nach oben so wie bei uns im Winter die Schneeflocken nach oben schweben. Woher ich das weiß? Also, mit dem Horn der Ziege meint er den Steinbock und im Wendepunkt des Steinbocks ist es Winter und im Winter fallen Schneeflocken. Wahrscheinlich nicht in seinem heiß geliebten aber auf ewig verfluchten Florenz, aber irgendwo auf den Apeninnen. Sie fragen sich jetzt noch, wie triumphierender Dunst / Dampf (vapor triunfanti) aussieht. Das geht so. In der Schnapsflasche ist erstmal nur Dunst, wenn man die jetzt aber trinkt, schwebt sie nach oben und da bewirkt sie doppelten Triumph. Erstens über das Hirn an sich und zweitens, wenn es nicht in Aggressivität umschlägt, was bei Besoffenen im Sekundentakt und ohne Übergang passieren kann, sorgt er im Gehirn noch für Hochgefühle, das umnebelte Hirn traut sich dann schlicht alles zu. Dante muss also ein gehörige Portion Red Bull geschluckt haben und der verleiht ja bekanntlich Flüüügel.

Und als ich ihrem Wirbeltanz nach oben
So weit mit meinen Blicken nachgedrungen,
Bis sie mir im Unendlichen zerstoben,

Und ich die Augen senkte glanzbezwungen,
Rief meine Herrin: „Lass nun abwärts schreiten
Den Blick und sieh, wie weit wir uns geschwungen

Im Original

Lo viso mio seguiva i suoi sembianti,
e seguì fin che 'l mezzo, per lo molto,
li tolse il trapassar del più avanti.

Onde la donna, che mi vide assolto
de l'attendere in sù, mi disse: «Adima
il viso e guarda come tu se' vòlto»

Mein Blick folgte diesen Erscheinungen,
bis der Raum durch seine Größe,
ihn hinderte weiter vorzudringen

Als die Frau, die mich sah befreit von meiner
Schau nach oben, mir sagte: „Richte den Blick
nach unten und sieh, wohin du bist gelangt

Die liebeswütigen Glanzgelichter stiegen als wie vom Wind getriebene Schneeflocken nach oben und verschwanden in den Weiten des Universums. Darauf forderte ihn Beatrice auf, nach unten zu schauen. Unsere Probleme sind jetzt natürlich immer noch irdisch. Wir hoffen nur, dass die göttliche Gnade, die manchen wenigen Sterblichen den Aufstieg in den paradiesischen Weltraum erlauben, auch für einen Raumanzug sorgen, denn wenn ich da oben nach Sauerstoff japse, sind mir alle liebestollen Flammenglanzgelichter völlig wurscht.

Vom ersten Niederblick bis jetzt zum zweiten
Ließ dieser Flug des ersten Klimas Bogen
Vom Mittel- bis zum Endpunkt uns durchgleiten,

So dass ich jenseits Gades sah die Wogen,
Die einst Ulyß durchflog, und hier den Strand,
Wo Zeus mit süßer Last dahingezogen

Im Original

Da l'ora ch'io avea guardato prima
i' vidi mosso me per tutto l'arco
che fa dal mezzo al fine il primo clima;

sì ch'io vedea di là da Gade il varco
folle d'Ulisse, e di qua presso il lito
nel qual si fece Europa dolce carco

Ich sah den ganzen Bogen, den ich durchlaufen,
seit ich zum ersten Mal nach unten geschaut hatte
und der von der Mitte bis zum Ende des ersten Klima reicht,

so dass ich dort auch sah in Gadir das verrückte
Schiff des Odysseus, und dort in der Nähe die
Ufer wo Europa ward zur süßen Last

Hier ist die Faktenlage so dünn, wissen müsste man, welche Vorstellungen Dante von den Klimazonen tatsächlich hatte, dass diese Terzinen faktisch nicht interpretierbar sind. Vergleicht man den italienischen Kommentar mit dem von Baehr, wird man feststellen, dass beide zwar irgendwie ähnliches sagen, aber dies absolut keinen Sinn ergibt.

Die bewohnte Erdoberfläche teilte man damals in 7 Zonen ein. Die Mitte der 1. Zone ist der Meridian von Jerusalem; dort standen die Zwillinge, als Dante zum ersten Mal auf die Erde zurückblickte. Inzwischen ist er fast 90 Grad weiter nach Westen gerückt. 6 Stunden sind seitdem vergangen.

Rudolf Baehr, Divina Commedia, Reclam, Seite 523

l'arco: quello percorso dalla metà alla fine del primo clima; per clima s'intendeva una delle sette zone in cui gli antichi geografi avevano diviso l'emisfero terrestre delle terre emerse. Il primo clima andava dall'Equatore a Cadice ("Gade ") e aveva la sua metà all'altezza di Gerusalemme

der Bogen: Jener, der die Hälfte des ersten Klimas bis zu dessen Ende umspannt; unter Klima versteht man eine der sieben Zonen, in die die antiken Geographen den Teil der irdischen Hemisphäre eingeteilt hatten, der sich aus de Wasser hob. Das erste Klima reichte von Äquator bis nach Cadiz („Gadir“). In der Mitte dieses Klimas lag Jerusalem.

Ob Dante tatsächlich von sieben Klimazonen ausging oder von fünf, lässt sich nicht ermitteln. Die Aussage, dass im Mittelalter allgemein von sieben Klimazonen ausgegangen wurde, ist auf jeden Fall falsch. Bekannter war wohl das Modell von Macrobius, der ging von fünf Klimazonen aus.

Am Nord- und Südpol ist es da lausig kalt (frigida), dann kommen gemäßigte Zonen, die sind bewohnbar und in der Mitte ist eine, wo es sauheiß ist, in deren Mitte sich der Äquator befindet. Was der italienische Kommentar und Rudolf Baehr da von Jerusalem und dem Meridian brabbeln, ist ein Rätsel. Der Meridian ist ein LÄNGENGRAD, das Klima wird aber, das zeigt die Karte richtig, vom BREITENGRAD bestimmt. Anhand der Karte ist aber der Satz „und der von der Mitte bis zum Ende des ersten Klima reicht“ interpretierbar, wenn auch auf der Karte oben ein Strich durch „Gadir“ (heute Cadiz, Atlantikküste Südspanien) fehlt. Auf diese „Klimazone“ schaut Dante. Durch Jerusalem geht zwar nach mittelalterlicher Vorstellung tatsächlich der Nullmerdian, nur hat der mit dem Klima nichts zu tun. Die Geschichte mit Odysseus hatten wir schon in der Hölle. Der listige Odysseus wollte sich den ganzen Kladderadatsch mit der Hölle sparen und direkt zum Läuterungsberg segeln, das geht natürlich gar nicht. Im übrigen ist es sowieso Hybris, über die Grenzen der Welt hinaussegeln zu wollen, das waren damals die Säulen des Herakles, also Gibraltar. Was also im Christentum das Verspeisen eines Apfels ist, ist im Altertum der Segeltörn in unbekannte Weltmeere. Die süße Last ist dann Europa, die hat Zeus, verwandelt in einen Stier, davongetragen. Was einen aber wirklich wundert, ist die Tatsache, dass Dante davon ausging, dass man Fixternhimmel aus, also Jenseits von Saturn, noch irgendwelche Details auf der Erde ausmachen kann. Da sich im Saturn ja eine Menge Glanzgelichter befanden, ging er wohl nicht davon aus, dass der Saturn die größe eines Punktes hatte, es war ihm also schon aufgefallen, dass Objekte mit zunehmender Entfernung immer kleiner erscheinen. Er hätte also vermuten können, dass auch die Erde vom Saturn aus ein Punkt ist und zwar ein ganz, ganz, ganz winzig kleiner. Um diesen Konflikt zu lösen, führt er dann wohl die Megaglubscher ein, also die zunehmende Sehskraft, je weiter man steigt. Die Alternative wäre gewesen, den Rückblick einfach weg zu lassen, dann hätte sich die Frage, wie man vom Saturn aus ein kleines Schiff sieht, gar nicht erst gestellt. Im übrigen gilt, was schon x-mal gesagt wurde. Nicht die Tatsache, dass seine Darstellungen unrealistisch sind stellt ein Problem dar, das ist in einer Fiktion durchaus möglich. Wir kämen nie auf die, uns darüber Gedanken zu machen, ob es plausibel ist, dass die Sterne als Goldtaler vom Himmel fallen, vorausgesetzt, es wird nicht der Versuch unternommen, innerhalb desselben Textes einzelne Tatbestände als wissenschaftlich fundiert darzustellen. In dem Moment wird der fiktive Charakter aufgehoben und alle Aussagen müssen dann wissenschaftlich stimmig sein.

Und mehr noch von dem winzigen Erdenland
Entziffert hätt, wenn Sol nicht unter mir
Schon mehr als um ein Zeichen weiter stand

Im Original

E più mi fora discoverto il sito
di questa aiuola; ma 'l sol procedea
sotto i mie' piedi un segno e più partito

Und noch mehr hätte ich erkannt von jenem
Platz von dieser Aureole; doch die Sonne schritt
Ein Zeichen weiter unter meinen Füßen

Dazu der italienische Kommentar:

un segno e più partito: separato, lontano di più che 30 gradi zodiacali (" segno "); infatti il Sole era in Ariete e Dante nei Gemelli, essendoci in mezzo il Toro.

ein Zeichen und mehr vergangen: getrennt, mehr als 30 Grad auf dem Tierkreiszeichen (das Zeichen); tatsächlich stand die Sonne im Widder und Dante im Zwilling, so dass der Stier dazwischen lag

Rätsel über Rätsel. Richtig ist, dass, wenn man hypothetische davon ausgeht, dass alle 12 Tierkreiszeichen gleich groß sind, jedes von ihnen 30 Grad hat. Man stellt sich dann die Ekliptik als 360 Grad vor und diese wird halt durch zwölf geteilt. Da die Tierkreiszeichen so hingebastelt wurden, dass die Sonne in jedem etwa 30 Tage steht (von 29 – 31, die meisten aber 30) dann hält sich die Sonne in jedem von ihnen 1/12 Jahr auf. So weit so gut. Rätselhaft ist nur, was das, im ptolemäischen Weltbild, mit der Entfernung zur Erde zu tun hat. Wenn die Tierkreizeichen brav am Fixsternhimmel aufgehängt sind und dieser sich kreiförmig um die Erde spannt, ist die Entfernung zur Erde überall die gleiche, wo die Sonne steht, ist völlig egal. Die Erde wird nicht dadurch „kleiner“ dass er in ein anderes Tierkreiszeichen segelt.

Mein liebend Herz, das schmachtend in Begier
Nur meiner Herrin schlug, ließ im Verlangen
Entbrennen mich, zurückzuschauen zu ihr

Im Original

La mente innamorata, che donnea
con la mia donna sempre, di ridure
ad essa li occhi più che mai ardea;

Mein ganz in Liebe entbrannter Sinn, der
Immer zugeneigt meiner Herrin, brannte
Darauf ihr die Augen zuzukehren

Das er in Beatrice verliebt ist, nehmen wir zur Kenntnis. Wir wissen aber, dass diese Liebe gänzlich unirdisch ist, im Grunde Beatrice für Thomas von Aquin steht, der Buchhalter des Himmelreichs also quasi erotisiert wird.
Ließ je Natur im Fleisch und Blute prangen,
Und Kunst im Bild ein schönes Angesicht,
Die Seele durch den Augenreiz zu fangen:

Kunst und Natur vereint erreichen nicht
Die Götterlust, die tief mein Herz durchdrungen,
Als neu mir lachte ihrer Augen Licht.

Im Original

e se natura o arte fé pasture
da pigliare occhi, per aver la mente,
in carne umana o ne le sue pitture,

tutte adunate, parrebber niente
ver' lo piacer divin che mi refulse,
quando mi volsi al suo viso ridente.

Wenn jemals Natur oder Kunst Zunder war der
entflammen ließ die Augen, weil es aus
menschlichem Fleisch bestand oder seinem Bildnis,

alle zusammen, wären nichts, im Vergleich
Zu der göttlichen Wonne, die mich durchströmte,
als ich mich ihrem lächelnden Gesicht zuwandte

Die Aussage ist also, dass es kein menschliches Wesen und kein Bildnis eines menschlichen Wesens gibt, dass seine Augen und seinen Geist jemals so gefesselt hätte und ihn solche Wonnen hätte fühlen lassen, wie der Anblick Beatrices. Die Aussage ist im Grunde die gleiche Liga, wie das was wir schon kennen. Die Dinge die da oben passieren, sind so gewaltig, dass man sie nicht berichten kann. Letztlich weiß kein Mensch, was an Gefühlen in ihm steckt. Kann sein, dass man nichtsahnend um die Ecke biegt und ein Wesen auftaucht, dass man erstmal völlig platt ist, wie auch immer. Weiter ist das auch mit den vergangenen Wonnen schwierig. Der Spruch, dass die Erinnerung das einzige Reich ist, aus dem man nicht vertrieben werden kann, ist leider falsch. Sehr bedauerlicherweise wird man daraus vertrieben. Glücklich sein und sich daran erinnern, dass man mal glücklich war, sind leider zwei sehr verschiedene Dinge. Auf jeden Fall wissen wir nicht, wie glücklich wir sein können, schon das ist hypothetisch. Dante setzt aber noch einen drauf. Dieser hypothetische Zustand wird mit einem anderen hypothetischen Zustand verglichen. Wenn es zwei hypothetische Früchte gibt, Guarkana und Tibolam, könnten sie auch sowas dichten.

Nicht der Geruch, die Süße,
die Exotik nicht der edelsten
Guarkana, die wuchs in fernen Welten

kann jemals sich vergleichen mit
Jener Tibolam, die das Parfum der Nelke
mischt mit dem Geruch des Zimtes

Frage: Wie schmeckt die Tibolam ? Dichtung kann viel. Sie kann auch die Dinge ein bisschen abändern, ein bisschen den Blickwinkel verändern, so dass manche Dinge nicht mehr so grau aussehen.

Alle Tage alle Nächte,
lob ich so den Menschen Los,
denkt er ewig sich ins Rechte
ist er ewig schön und groß

Goethe

Sie kann Erfahrungen aus dem Orkus des Vergessens fischen, sie kann Objekte mit Bedeutung belegen, so dass sie nicht mehr fremd sind, sie kann die Welt zur Heimat umgestalten, sie kann Gemütszustände konservieren, sie kann das Bewußtsein schärfen, sie kann die Welt bunt anmalen. Aber die creatio ex nihilo ist mit ihr nicht möglich. Lyrik ist durch und durch irdisch. Überirdisch an ihr sind nur die Dichter selbst. Die Narrensicherheit mit der Goethe, Rilke, Storm, George, Heine etc. ihre Verse raushauen entzieht sich weitgehend der rationalen Kontrolle. Die in akademischen Kreisen so beliebte Flucht in den Formalismus ist zum einen durch den fehlenden „Draht“ zur Dichtung bedingt zum anderen durch die Tatsache, dass das Mysterium tatsächlich schwer zu packen ist. Diese Unschärfe macht es auch möglich, dass Dante sich für einen Dichter halten konnte und von den verbeamteten Geistlichen für einen Dichter gehalten wird. Sie nehmen die Form für Inhalt. Man sollte daran erinnern, dass in der deutschen Klassik die Form selbst Inhalt war. Da aber das, was einen Dichter ausmacht, so schwer zu packen ist, ist es auch relativ schwer, die auszusortieren, die, wie Dante, eben keine sind, denen die schlafwandlerische Sicherheit, die noch vor jeder rationalen Bestimmung Wahres erzeugt, fehlt. Unbegabte gehen dann davon aus, dass alles was sich reimt und dunkel raunt, Dichtung ist. Dem ist nicht so.

Und jene Kraft, die ihrem Blick entsprungen,
Entnahm mich Ledas schönem Nest in Eile,
Dass ich zum schnellen Kreis ward aufgeschwungen,

Der gleich an Licht und Kraft in jedem Teile,
So gleich, dass ich den Ort nicht schildern kann,
Den Beatrice mir erkor zum Heile.

Im Original

E la virtù che lo sguardo m'indulse,
del bel nido di Leda mi divelse,
e nel ciel velocissimo m'impulse.

Le parti sue vivissime ed eccelse
sì uniforme son, ch'i' non so dire
qual Beatrice per loco mi scelse

Und die Kraft, die meinen Blick anzog,
riss mich aus dem Nest der Leda,
und stieß mich in den Himmel.

Dessen Teile sind so gleich an Geschwindigkeit
und Pracht, dass ich nicht sagen könne,
an welchen Ort Beatrice mich gebracht

Wir erfahren also wieder, warum Dante von vielen als Dichter betrachtet wird. Ein Kreuzworträtsel in Terzinenform ist für viele Leute eben Dichtung. Gesucht wird also ein Sternbild, dass man irgendwie mit Leda in Verbindung bringen könnte. Leda war die Gattin von Tyndareos, König der Spartaner. In diese Leda verliebt sich natürlich Zeus, es gibt nämlich schlicht keine Frau, in die sich Zeus nicht verlieben würde. Er nähert sich ihr in Form eines Schwanz und tut, was er immer tut. Leda (Frau, also ein Mensch) legt daraufhin EIER (!) aus denen, vereinfacht gesagt (genaugenommen hat Leda in derselben Nacht
noch mit ihrem Gatten geschlafen, das führte zu Helena und Klytaimnestra) zwei menschliche Küken ausschlüpfen, nämlich Kastor und Poydeukes. Der Mythos versetzt die Zwillinge nicht in den Sternenhimmel, trotzdem werden sie in der Antike im Sternbild der Zwillinge lokalisiert. Noch dunkler raunt es dann in der zweiten Terzine. Sie sind jetzt im Primum mobile, dem ersten Bewegten, der alle anderen Sphären zum Kreisen bringt, selbst aber von Gott höchspersönlich angetrieben wird. Das dreht sich dann am schnellsten, ist am höchsten und da sich nichts darauf befindet, weiß Dante auch nicht, wo er ist. Sollten Sie übrigens bis jetzt der Meinung gewesen sein, dass sich Naturwissenschaftler nicht nach Romantik sehnen dann irren Sie sich. Wenn aber kein Land in Sicht ist, dass die Seele suchen könnte, irrlichtert die Seele etwas. Ein Astrophysiker (Professor für Astrophysik in Basel) hat ein Buch über die Divina Commedia geschrieben. Dazu der Verlag:

Bruno Binggeli nimmt den Leser mit auf eine faszinierende Reise zum Ursprung der Dinge, zum Big Bang oder Urknall. Gleichzeitig zeichnet er einen Bogen zu den Himmelssphären-Forschern des Mittelalters - unter ihnen der große Dante -, und macht so die moderne Astronomie mit den mittelalterlichen Jenseitstheorien bekannt. Gnade und Quantenphysik - Binggeli zeigt, sein immenses Wissen in einem mitreißenden Ton vortragend, daß das Mittelalter und die Moderne sich viel näher sind, als man glaubt. Das Primum Mobile, der oberste Kristallhimmel als Treibriemen der Welt, entspricht in gewisser Weise dem Big Bang der modernen Astronomie, ebenfalls eine Grenze ohne Jenseits. Wissenschaftlich exakt und zugleich anschaulich geschrieben, verblüfft dieses einzigartige Werk den Leser mit einem neuen Blick auf den Ursprung des Kosmos und den unaufhörlichen Forschungsdrang des Menschen ...
(Verlagstext)

http://www.zlb.de

Der Autor versteht ja zugegebenermaßen nichts von Astronomie, dem Urteil Hegel, dass es sich bei der Astronomie um eine sinnlose quantitative Ausdehnung ohne qualitativen Sprung handelt würde er also so nicht zustimmen, aus dem schlicht Grund, weil er nichts davon versteht. Wenn aber ein Zusammenhang zwischen dem Big Bang und dem Primum Mobile hergestellt wird, weil beide eine Grenze ohne Jenseits bezeichnen, dann kann man schon sagen, dass Hegel zumindest insofern Recht hat, als die Sterne das menschliche Gemüt wohl nicht tief berühren, der Blick in die unendliche Leere des Weltraums scheint zu einer inneren Leere zu führen, die dann gefüllt werden muss. Das hat der Autor übrigens schon oft beobachten können. So richtige Naturwissenschaftler, die in ihrer Jugend immer so genau wissen, wo es lang geht, laufen manchmal , wenn sie älter werden, reichlich desorientiert durch die Gegend. Das Buch auf jeden Fall scheint in der Kasse des Verlages einen quantitativen Sprung verursacht zu haben, im Finanzsektor hat Hegel ja unrecht, da ist die Qualität völlig wurscht, da geht es nur um Quantität und die hat was mit Marketing zu tun. Die Universität Basel hat übrigens das Institut für Astronomie jetzt geschlossen. Die haben wahrscheinlich gar keinen Sinn für Romantik.

Sie aber sah mir mein Erstaunen an
Und lächelte, als strahlte Gottes Lachen
Aus ihrem Angesicht, und begann:

Jetzt kommt wieder ein bisschen Theorie. Bruno Binggeli meint jetzt wahrscheinlich, dass das der neueste Wissensstand ist, da wird uns sozusagen der Urknall erklärt, Dante gegen Stephen Hawking. Der Autor hat ja keine Ahnung von Astrophysik, also nicht mal den allerblassesten Schimmer der allerblassesten Ahnung. Was ihm aber mal so auf die Schnelle auffällt ist das. Wir lesen in der Verlagsbeschreibung des Buches von Bruno Binggeli folgendes:

„Das Primum Mobile, der oberste Kristallhimmel als Treibriemen der Welt, entspricht in gewisser Weise dem Big Bang der modernen Astronomie, ebenfalls eine Grenze ohne Jenseits.“

Ein Grenze ohne Jenseits ist doch wohl eine Grenze, jenseits derer es nichts mehr gibt. Das ist dann sozusagen keine Grenze, sondern schlicht das Ende.

Im Wikipedia Artikel über Stephen Hawkings finden wir dann dieses Zitat.

„Wenn das Universum einen Anfang hatte, können wir von der Annahme ausgehen, dass es durch einen Schöpfer geschaffen worden sei. Doch wenn das Universum wirklich völlig in sich selbst abgeschlossen ist, wenn es wirklich keine Grenze und keinen Rand hat, dann hätte es auch weder einen Anfang noch ein Ende; es würde einfach sein. Wo wäre dann noch Raum für einen Schöpfer?“

aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Stephen_Hawking

Bei Stephen Hawking heißt es also, dass es gar keine Grenze gibt und wenn es keine Grenze gibt, dann kann es Jenseits dieser Grenze nichts geben und einen Gott, der das Primum Mobile anschiebt, brauchen wir dann natürlich auch nicht. Es war zu vermuten, dass 600 Jahre üppig mit Steuergeldern versorgter Fortschritt zu einem Erkenntnisfortschritt geführt haben. Wenn nach 600 Jahren und einigen Millionen Franken der Kenntnisstand noch so wäre wie bei Dante, dann würde der Volkswirt doch von einer drastischen Fehlallokation der Mittel sprechen. Vielleicht führte dieser Umstand zur Schließung dieses Instituts , wer weiß? Vielleicht hat auch der Verlag das Buch, von dem er behauptet es wäre sehr verständlich geschrieben, nicht richtig begriffen? Und die ganze Journaille hat dann was abgeschrieben, was sie auch nicht richtig begriffen hat. Wie es aber tatsächlich aussieht im Universum erklärt uns jetzt Beatrice. Werfen Sie Stephen Hawking, wenn Sie sich für die unendlichen Weiten des Weltraums interessieren in die Ecke, das bringt nichts. Beatrice erklärt uns jetzt, wie das alles funktioniert, ist auch nicht soviel Mathe drin in ihrem Vortrage, das ist auch gut.

Sie hier Natur voll ewger Ruhe wachen
Im Kern- und Anfangspunkt; sie lässt von hier
Das Weltall seinen großen Kreislauf machen.

Im Original

La natura del mondo, che quieta
il mezzo e tutto l'altro intorno move,
quinci comincia come da sua meta;

Die Natur der Welt, die still steht in der Mitte
und alles um sie herum bewegt,
dort fängt sie an und dort hat sie ihr Ende

Die Natur lässt also, im ptolemäischen Weltbild, die Erde in der Mitte still stehen und alles andere um diese herumsausen. Das ist aber, im Vergleich zum heliozentrischen Weltbild, wie wir bei Bruno Binggeli lernen nur ein kleines unbedeutendes Detail. Viel wichtiger ist die Ähnlichkeit, die zwischen der göttlichen Gnade und der Quantenphysik besteht.

Nicht anderen Raum hat dieses Lichtrevier
Als Gottes Geist, der Liebesglut entzündet;
Und dieses Himmels Schwungkraft strömt aus ihr!

Im Original

e questo cielo non ha altro dove
che la mente divina, in che s'accende
l'amor che 'l volge e la virtù ch'ei piove

und dieser Kreis ist nur von Gottes Geist
erfüllt, in welchem sich die Liebe, die ihn
antreibt und die Kraft die aus ihm enströmt, entzündet

hm. Der Autor hatte ja zugegebenermaßen in der Schule Probleme mit Physik, was aber nicht überraschend ist, denn er hatte eigentlich mit allen Fächern Probleme. Bei der Gravitationskraft zum Beispiel hatte er immer das Problem, dass er nie verstanden hat, was das eigentlich ist. Man kann ja lediglich die Auswirkungen messen, ohne dass man beschreiben könnte, was es eigentlich ist. Im Grunde ist sie ja hochgradig fiktiv. Aber immerhin kann man sie noch messen. Dante ist da klar im Vorteil. Er hypostasiert eine Kraft, die Liebe eben, die er nicht messen kann, die wiederum eine Kraft entzündet, die er auch nicht messen kann. Wie kann er eigentlich sagen, dass die Liebe die Kraft entzündet und das alles noch im göttlichen Geist?? Vielleicht entzündet ja auch die Kraft die Liebe und diese erleuchtet den göttlichen Geist? Oder der göttliche Geist die Kraft, die wiederum die Liebe auf ihn runterrieseln lässt?
Oder vielleicht entzünden die Liebe und die Kraft gemeinsam den göttlichen Geist, der dann als Energie herunterrieselt. Wahrscheinlich hat Thomas von Aquin das irgendwo eindeutig geklärt mit der Liebe, der Kraft und dem göttlichen Geist. Wenn er es aber nicht geklärt hat, gehört es zum Glauben, und der Glauben ist ja bekanntlich Nichtwissen, das Gewißheit ist, folglich Wissen.

Wie alle er umschlingt, schlingt engverbündet
Sich Licht und Liebe auch um ihn: verstehen
Kann er dies Wunder nur, der es geründet!

Im Original

Luce e amor d'un cerchio lui comprende,
sì come questo li altri; e quel precinto
colui che 'l cinge solamente intende.

In einem Kreis aus Liebe und Licht ist er eingeschlossen,
so wie in diesem die anderen; und diese Umgrenzung
Versteht nur der, der es erschaffen

Der Kreis, in dem sich Gott befindet, ist das Empyreum, da wackelt und dreht sich nix, damit der ältere Herr nicht durchgeschüttelt wird. Und so wie sich Gott im Empyreum befindet, so befinden sich die anderen Kreise eingeschlossen in das Primum Mobile, das wiederum von Gott bewegt wird und damit wiederum die anderen Sphären (die des Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn) bewegen kann. Das verstehen Sie nicht? Na kein Wunder, schauen Sie doch mal genau hin: VERSTEHT NUR DER, DER ES ERSCHAFFEN. Haben Sie das etwa erschaffen??? Na also. Das müssen sie glauben, denn der Glaube ist Nichtwissen, der. . .

Nicht messen lässt sich dieses Himmels Drehen,
Doch gibt er Maß und Ziel den anderen Sphären,
Wie sich aus zwei und fünf ergibt die Zehen

Im Original

Non è suo moto per altro distinto,
ma li altri son mensurati da questo,
sì come diece da mezzo e da quinto;

Nicht durch andere wird sein Schwung gemessen,
aber die anderen erhalten seinen Schwung von ihm,
so sie von zehn die Hälfte fünf ergibt

Die Logik ist etwas eigenartig. Die kurze Einführung in die Division (10:2=5) soll uns verdeutlichen, dass der Zusammenhang zwischen dem Primum Mobile und den anderen Sphären ähnlich leicht nachvollzogen werden kann, wie diese Division. Damit haben wir geklärt, wie einfach das ist, wir haben aber nicht den tatsächlichen kausalen Zusammenhang geklärt. Daraus können Sie eine Regel ableiten. Wenn Sie irgendwo hören oder lesen, dass etwas ganz einfach ist, sollten Sie aufpassen. Die Wahrscheinlichkeit ist dann relativ hoch, dass der Autor der Aussage auch nicht genau versteht, was er da behauptet.

Wie sich in diesem Topf die Wurzeln nähren
Des Zeitenbaums, und wie sein Laub gedeiht
In andern, kannst du dir nun selbst erklären

Im Original

e come il tempo tegna in cotal testo
le sue radici e ne li altri le fronde,
omai a te può esser manifesto

und jetzt ist es dir deutlich, dass
die Zeit in jenem Topf ihre Wurzeln
hat und in den anderen das Laub,

Das Primum Mobile bestimmt den Grundtakt, den Tag, es dreht sich nämlich einmal am Tag. Und alle anderen Zeitangaben, das Laub der Zeit sozusagen, wie Jahr, Monat, Woche ergibt sich dann aus diesem.

Nachdem wir jetzt solange puren Geist und Weisheit in uns aufgenommen haben, wird es mal wieder Zeit für ein saftiges Klagelied über die Schlechtigkeit der Welt. Man könnte sich kurz fragen, wer eigentlich klagt. Es ist immer noch Beatrice.

O Menschen, wie ersäuft Begehrlichkeit euch
gar so tief doch, dass euch aus dem Schaume
des Meers kein Aufwärtschaun zum Licht befreit

Im Original

Oh cupidigia che i mortali affonde
sì sotto te, che nessuno ha podere
di trarre li occhi fuor de le tue onde!

Oh Gier, in die die Sterblichen so tief
Eingetaucht, dass niemand mehr in der Lage
Aus den Wellen die Augen empor zu dir zu heben

Das kommt jetzt etwas unvermittelt, hat mit den vorigen Terzinen, wo uns ja erklärt wurde, was die Welt im Innersten zusammenhält nichts mehr zu tun, aber die Aussage ist klar. Wir hängen so mit derber Liebeslust, uns an die Welt mit klammernden Organen, dass nichts mehr uns emporträgt weg vom Dust, zu den Gefilden hoher Ahnen. (Klingt komisch der letzte Satz? I wo, ist Goethe.)

Noch blüht das Wollen eurem Lebensbaume,
Doch wenn der Regen endlos niedergießt,
So fault verhutzelnd auch die beste Pflaume

Im Original

Ben fiorisce ne li uomini il volere;
ma la pioggia continua converte
in bozzacchioni le sosine vere

Noch blüht in den Menschen das Wollen;
aber der ständige Regen verwandelt
die echte Pflaume, in eine von Würmern zerfressene

Zu der bozzachioni kommen wir gleich. Aber die Übersetzung von Gmelin ist jetzt echt lustig, sie folgt dem Motto „und sie schließt er messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf“. Der übersetzt so.

Wohl blühet in den Menschen noch das Wollen,
Jedoch der erste Regen ließ verschrumpfen
Und sauer werden die einst süßen Früchte

Gmelin übersetzt also den pioggia continua, also den ständigen Regen, mit erstem Regen. So weit so gut, das ist zwar falsch aber egal. Witzig wird das jetzt erst zusammen mit dem Kommentar von Baehr. Der schreibt:

der erste Regen: der Hang zum Bösen

Divina Commedia, Reclam, Seite 523

Der erläutert uns also im Brustton tiefster Überzeugung etwas, was überhaupt nicht dasteht, also gar nicht hätte erläutert werden müssen. Zusammen mit dem professoralen Würdeträgerton ist das witzig, findet der Autor:

„Sie (also die Anmerkungen) sind kein wissenschaftlicher Kommentar für Dante-Forscher, aber was ausgesagt wird, wurde sorgfältig geprüft, um so eine möglichst hohe Zuverlässigkeit des Kommentars zu gewährleisten.“

ebenda Seite 397

Wie kann es passieren, dass er einen Kommentar zu etwas schreibt, was gar nicht dasteht? Rätsel über Rätsel. Witzig ist auch noch der italienische Kommentar.

bozzacchioni: susine troppo ingrossate a causa della pioggia e perciò guaste.
bozzacchioni: Aufgrund des Regens zu groß gewordene Pflaumen, die deshalb verdorben sind.

Die instensive Beschäftigung mit Dante bewirkt irgendwie eine sehr abstrakte Beziehung zur Welt, um es mal höflich zu formulieren. Ein große Pflaume ist absolut nicht verdorben, im übrigen sind im Handel auch riesige Pflaumen erhältlich. Bedauerlich dabei ist nur, dass Pflaumen aufgrund des Regens allein nicht größer werden, sonst hätten wir in Deutschland nämlich die megasuper Pflaumen. Tatsächlich sind sie aber durchschnittliche.

Gestolpert ist Gmelin (oder einer seiner Vorgänger?) über das bozzacchioni. Dieses Wort ist tatsächlich ein Problem. Ein etymologisches Wörterbuch liefert dazu folgende Definition.

bozzacchio e bozzacchióne Sembra aver la origine nella rad. germ. e celt. BOS escrecenza, tumore, aggiunta una desinenza con senso peggiorativo (v.Bozza), ma invece il Caix ritiene sia detto per borsacchio, borsacchione da borsa nel senso fig. di cosa gonfia e floscia, al modo stesse che dicesi borselluto e borcellino l' occhio enfiato. - Susina che sul ' allegare è guasta dagli insetti per deporvile loro uova, che però intristisce e diviene oltremodo gonfia e bitorzoluta.

bozzacchio und bozzacchone: Vermutlich hat das Wort seinen Ursprung in germanischen und keltischen Wurzel BOS, Wulst, Tumor, an die ein Suffix mit abwertender Bedeutung (siehe Bozza / Skizze) angehängt wurde. Caix (Wörterbuch) jedoch behauptet, dass es im Sinne von borsacchio, borsacchione von borsa im übertragenen Sinne in der Bedeutung von aufgeblasene, aufgedunsene Sache benutzt wird, so wie man auch borselluto und borcelliono für ein entzündetes Auge sagt. – Pflaume die durch Inseken, die dort ihre Eier ablegen und die deshalb verwelkt oder aufgeblasen und warzig wird.

Da der erste Regen nicht da steht und Pflaumen durch ständigen Regen nicht größer werden, was ja positiv wäre, gehen wir davon aus, dass mit dem Wort bozzacchio eine madige Pflaume gemeint ist. Verbleibt noch das Restproblem, dass Dante selber einen Zusammenhang sieht, zwischen dem Regen und der madigen Pflaume. Da Dante aber wohl selten an der frischen Luft war und das sprießen der Pflaumen beobachtet hat, er hing ja immer über Thomas von Aquin, gehen wir davon aus, dass er sich schlicht irrte. Einen Zusammenhang zwischen Regen und Wurmstichigkeit gibt es nicht.

Kaum dass du noch im Kinderherzen siehst
Unschuld und Glauben – denn sie beide schwinden,
Bevor der Flaum auf ihren Wangen sprießt

Im Original

Fede e innocenza son reperte
solo ne' parvoletti; poi ciascuna
pria fugge che le guance sian coperte

Glaube und Unschuld sind nur noch in
Kleinen Kindern; doch noch eh die Wangen
Vom Flaume sind bedeckt, fliehen diese

Da gibt es jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder bleiben Frauen immer unschuldig und gläubig, oder die haben im mittelalterlichen Italien einen Bart bekommen. Die dritte Möglichkeit wäre, dass sie schlicht, außer Beatrice, in Dantes Universum überhaupt keine Rolle spielen. Da ja tatsächlich Frauen in der Hölle, Läuterungsberg und im Paradies deutlich unterrepräsentiert sind, ist wohl von letzterem auszugehen.

Ein lallend Kind lässt sich durch Fasten binden,
Kaum kann es sprechen, wirst du es sich laben
zu jeder Zeit an allen Tischen finden

Im Original

Tale, balbuziendo ancor, digiuna,
che poi divora, con la lingua sciolta,
qualunque cibo per qualunque luna;

Manche gibt es, die fasteten als sie noch lallten,
die, wenn die Zunge erst gewander, verschlingt jede
Nahrung zu jeder Stunde

??? Sagen will er uns, das Kinder, die lallen, manchmal fasten. Wenn sie aber erwachsen sind, also die Zunge gewander, dann verschlingen sie alles. Also wenn Kinder fasten, kann das unmöglich gesund sein und kaum freiwillig.

Und wer die Mutter pflegt liebzuhaben
Als lallend Kind, wünsch – wenn er fertig spricht-
Im stillen: säh ich sie doch begraben!

Im Original

e tal, balbuziendo, ama e ascolta
la madre sua, che, con loquela intera,
disia poi di vederla sepolta

und solange er noch stotter, liebt und folgt
er seiner Mutter, doch mit fertiger Sprache,
sagt er, er wünscht sie begraben zu sehen

Um dies Aussage zu bestätigen oder zu verneinen fehlen uns die statistischen Angaben. Zu unterscheiden wäre dann wohl auch zwischen Bildungsniveau, Einkommen, Geschlecht, Region. Bei einer statistischen Erhebung ergäbe sich noch das Problem, dass man es nicht erfragen kann. Ein Fragebogen, der so aussieht, wäre sinnlos.

Kreuzen Sie gültig Option an:

Wollen Sie ihre Mutter begraben sehen?

__ Ja

__ Nein

Wir bezweifeln, dass Dante von empirischer Sozialforschung wirklich eine Ahnung hatte und diese Aussage auf einer konkreten Feldforschung beruht.

So schwärzt sich schnell das weiße Angesicht
Der schönen Tochter deren, die am Morgen
Uns schenkt und abends raubt das Licht

Im Original

Così si fa la pelle bianca nera
nel primo aspetto de la bella figlia
di quel ch'apporta mane e lascia sera

So wird aus der weißen Haut eine Schwarze
beim ersten Anblick der schönen Tochter dessen,
die den Morgen bringt und den Abend verlässt

Die Menschen (weiße Haut) verwandeln sich also in Bestien (schwarze Haut),
-- Achtung! Der Vergleich stammt von Dante. Einen Zusammenhang zwischen Hautfarbe und Charakter sehen nur und ausschließlich Schwachköpfe --
wenn die Tochter des Helios / Sonne (der bringt den Morgen und verlässt den Abend), also Kirke erblickt wird. Kirke ist die, die in der Odyssee alle die auf ihrer Insel landen zuerst mit ihrem Liebreiz bezirzt und dann in Tiere, gewöhnlich Schweine, verwandelt. Da hätte Dante mal darüber nachdenken sollen. Er geht ja immer davon aus, dass der Liebreiz einer Beatrice jeden Mann direkt ins Paradies führt. Aber da gibt es ja noch die femme fatale, da geht es es dann senkrecht in die Hölle. Das Leben ist aber auch kompliziert manchmal. Sagen will und der Dichter mit seinem Werk auf jeden Fall, dass die Verlockungen der Welt uns zu Schweinen verwandeln. Das Problem ist, im Diesseits werden wir zu Schweinen und im Jenseits hören wir uns den lieben langen Tag Vorträge über alle möglichen theologischen Themen an. Da fällt dann die Entscheidung für das Diesseits oder Jenseits schon ziemlich schwer.

Doch staune nicht – der Grund ist nicht verborgen:
Ein Herrscher fehlt, der euch, dir ihr umgittert
Vom Irrtum seid, herausführt aus den Sorgen

Im Original

Tu, perché non ti facci maraviglia,
pensa che 'n terra non è chi governi;
onde sì svia l'umana famiglia

Du, damit du dich nicht wunderst,
bedenke, dass auf der Erde niemand regiert;
und darum gleitet ab die Menschheit vom rechten Wege

Gemeint ist wohl die Kirche. Da regiert niemand, so dass die Schafe ohne Hirte sind. Der Autor befürchtet, da irrt Dante. Wenn die Typen die Wahl haben zwischen Thomas von Aquin und der liebreizenden Kirke, die nehmen glatt die Kirke.

Doch eh des Winters letztes Eis zersplittert-
Weil euch das Hundertstel gedient zum Spotte-
Dröhnt dieser Himmel, dass sein Grund erzittert

Im Original

Ma prima che gennaio tutto si sverni
per la centesma ch'è là giù negletta,
raggeran sì questi cerchi superni,

Doch noch bevor der Januar verlässt den
Winter, des Hundertstel wegen das dort unten
Unbedacht, wird es blitzen in diesen hohen Kreisen

Es gibt bekanntlich eine Abweichung zwischen der astronomisch richtigen Zeit und dem Kalenderjahr. Würde nicht korrigiert, wie dies zum Beispiel beim Wechsel von 2008 auf 2009 geschehen ist, dann würde sich der Januar immer weiter in den Frühling verlagern und wenn das der Fall ist, dann blitzt und donnert es und Gott räumt auf im irdischen Jammertal. Der langen Rede kurzer Sinn, Dante wollte uns wieder an seiner enzyklopädischen Bildung teilhaben lassen. Wir honorieren sein Bemühen.

Dann lässt das Glück von seinem trägen Trotte,
Zur Umkehr wird‘ s das Ruder schnell ergreifen,
Dass graden Laufs hinsegelt eure Flotte

Und nach den Blüten wahrer Früchte greifen!

Im Original

che la fortuna che tanto s'aspetta,
le poppe volgerà u' son le prore,
sì che la classe correrà diretta;

e vero frutto verrà dopo 'l fiore

so dass das Glück, dass schon so lange wird
erwartet das Bug wird dahin richten wo jetzt
das Heck, so dass der rechte Kurse wird genommen;

und wahre Frucht wird kommen nach der Blüte

Das Problem ist, dass wir immer noch nicht wissen, wohin das Schiff dann steuern wird. Wir haben alle möglichen Sünden durch, Simonie, Muttermord, Verrat, Völlerei, Habgier, Mord etc. etc, wir wissen dass alle Herrscher irgendwie korrupt sind, die wenigen Guten mausetod, wir wissen alles mögliche über Theologie, aber so richtig ist immer noch nicht ganz klar, wohin das Schiff dann steuern soll. Zu den Franziskanern in die Klöster, zu einem Kreuzzug ins heilige Land, zu irgendeiner Pilgerfahrt? Das einzige, was irgendwie konkrete Gestal angenommen hat, ist das Paradies. Da kann man irgendwie in so einer Art Fernstudium Theologie studieren. Das geht so in Richtung e-learning, das findet der Autor natürlich vom Ansatz her gut, an den Bildungsinhalten könnte man noch ein bisschen feilen.