Es kommt jetzt zum großen show down, der Dichter begegnet seiner Jugendliebe, der holdseligen Beatrice. Das wäre ja an sich erstmal ein ziemlich romantisch / heftiges Erlebnis. Das ist das, was sich ja viele Leute fragen, was mit der ersten Liebe passiert ist, die verweht wurde, von den Stürmen der Gezeiten. Noch romantischer wird es allerdings, wenn diese Liebe nie auf Gegenliebe stieß, bzw., als Steigerung, sie eines Tages einfach weg war, und nichts mehr blieb außer ein Bild. Das Wiedersehen mit Beatrice allerdings ist weit weniger romantisch, die ist nämlich inzwischen zur Theologie mutiert und textet in etwa so, wie meine Oma. Die Situation hat also Frank Wedekind recht zutreffend beschrieben.

Schöne Martha, die ich einstens liebte,
Warum lieb ich heute dich nicht mehr?
Was den Einklang unsrer Seelen trübte
Zu ergründen ist weiß Gott nicht schwer!
Du bist furchtbar philiströs geworden,
Während mir im Kampf die Zeit verrint
Und noch trag ich leider keinen Orden
Der mir deine Achtung abgewinnt

Früh verzagend hast du dich entschlossen
Zum Besuch des Töchterseminars
Glaubend ich verzettle mich in Possen
Und der bittre Kampf des Lebens war' s
Aber wenn ich heute wiederkomme:
Martha, reich mir deine schlanke Hand!
Ach, dann glotzt mich an das kindlich-fromme
Antlitz ohne menschlichen Verstand

Hält aber die erste Liebe einen Vortag über Theologie beim ersten Wiedersehen, hat das einen Vorteil. Man weiß dann, dass man nichts verpasst hat.

Der Gesang setzt natürlich wieder mit einem Bild ein, das uns die göttliche Ordnung vor Augen führt, unverrückbar bis in alle Ewigkeit, Amen. Das kennen wir schon aus Goethes Faust, allerdings ist da unterhalb der ewigen Ordnung ein mächtiges Gewusel.

Die Sonne tönt in alter Weise
In Brudersphären Wettgesang
Und ihre vorgeschriebene Reise
Vollendet sie mit Donnergang

Faust, Prolog im Himmel

Bei Dante klingt das dann so.

Des ersten Himmels Siebentagsgefunkel
Stand still: Dies kann nicht Auf – und Niedergehen
Hüllt vor dem Schuldigen sich nur in Dünkel

Und kehrt jedweden seine Pflicht verstehen
So lehrt genau der kleine Bär hienieden
Den Steuermann zum sichern Hafen drehen

Das Volk, das von dem Siebenlicht geschieden
Und hinterm Greifen herschritt, wandte sich
Zum Wagen freudig wie zu seinem Frieden.


Schauen wir uns das im Original an.

Quando il settentrion del primo cielo,
che né occaso mai seppe né orto
né d'altra nebbia che di colpa velo,

e che faceva lì ciascun accorto
di suo dover, come 'l più basso face
qual temon gira per venire a porto,

fermo s'affisse: la gente verace,
venuta prima tra 'l grifone ed esso,
al carro volse sé come a sua pace;

Als der Siebenstern des ersten Kreises
dem unbekannt das Steigen und Vergehen
und außer von der Schuld von nichts verschleiert

jeden seiner Pflicht ermahnend
ganz wie der Kleinere dies tut
der den Steuermann in den Hafen leitet

so stand er und die, die ohne Lüge sind,
die vor dem Greife schritten
sich nach dem Wagen wanden, Frieden suchend

Der Siebenstern ist der große Bär. Zwar haben sowohl der große Bär wie auch der kleine Bär sieben Sterne, da aber der kleine Bär genannt wird (…der Kleinere dies tut…) bleibt nur noch der große übrig. Gemeint sind also der große und der kleine Bär (Wagen). Das Sternbild sieht so aus.


Da ja in der Antike wie im Mittelalter ein Hang zur Zahlenmystik bestand, sah man in den sieben Sternen eben wieder die sieben Leuchter, die wiederum für die sieben Gaben des heiligen Geistes standen (Weisheit, Verstand, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit, Gottesfurcht). Herauslesen kann man das aus Jesaja 11, 2:“ Und es wird eine Rute aufgehen von dem Stamm Isais und eine Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen, auf welchem wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.“ Wie man sieht sind es im Original nur sechs. Die siebte kommt dadurch zustande, dass für die Furcht des Herrn im folgenden Satz (Jesaja 11,3) im hebräischen Original dasselbe Wort verwendet wurde, in der Übersetzung ins Griechische aber ein anderes, nämlich Frömmigkeit. So hat man dann sieben. Was lernen wir daraus? Der ganze Hokuspokus mit der Zahlenarithmetik ist kompletter Unsinn, wer sucht, der findet irgendeinen Zahlenhokuspokus auch im Telefonbuch. In den zwei Terzinen wird also, reichlich an den Haaren herbeigezogen, ein Vergleich hergestellt zwischen dem Sternbild des Wagens, der auf der nördlichen Halbkugel nie unter- bzw. aufgeht (…che né occaso mai seppe né orto...) und eine wichtige Orientierung für die Schiffahrt liefert und den sieben Gaben des heiligen Geistes, die die 24 Bücher des Tanach inspieriert haben. (Der Tanach entspricht dann weitgehend dem alten Testament.) Der große und der kleine Bär befindet sich bei Dante im ersten Kreis (..settentrion del primo cielo…). Ob dies tatsächlich der Vorstellung des Ptolemäus oder Thomas von Aquin oder der im Mittelalter vorherrschenden Vorstellung entsprach, ist etwas unklar. Dass sich alle Fixsterne in der ersten Sphäre befinden, ist eigentlich eine Vorstellung Platons. Im Mittelalter gab es höchst unterschiedliche Vorstellungen über die Sphären, also darüber, wo die Sterne genau verortet sind.

Und wie ein Himmelsbote feierlich
Sang eine dreimal zu der anderen Singen
„Sponsa de Libano, zeige dich“

Das ist jetzt natürlich äußerst grenzwertig und verstärkt die These, dass Gott im irdischen Paradies Marihuana in die Luft pustet, denn das „Sponas de Libano“ ist dem Hohen Lied entnommen. Der Autor würde jetzt nicht gerade sagen, dass das der erotische Knaller ist, aber für die frühchristlichen Taliban, bärtig ist es schon allerhand. Hohelied, 4:“ Du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut, mit deiner Augen einem und mit deiner Halsketten einer. Deine Wangen sind wie der Ritz am Granatapfel zwischen deinen Zöpfen. Deine zwei Brüste sind wie zwei junge Rehzwillinge, die unter den Rosen weiden. Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester, liebe Braut! Deine Liebe ist lieblicher denn Wein, und der Geruch deiner Salben übertrifft alle Würze. Deine Lippen, meine Braut, sind wie triefender Honigseim; Honig und Milch ist unter deiner Zunge, und deiner Kleider Geruch ist wie der Geruch des Libanon. Meine Schwester, liebe Braut, du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born. Deine Gewächse sind wie ein Lustgarten von Granatäpfeln mit edlen Früchten, Zyperblumen mit Narden, Narde und Safran, Kalmus und Zimt, mit allerlei Bäumen des Weihrauchs, Myrrhen und Aloe mit allen besten Würzen. Ein Gartenbrunnen bist du, ein Born lebendiger Wasser, die vom Libanon fließen. Stehe auf, Nordwind, und komm, Südwind, und wehe durch meinen Garten, daß seine Würzen triefen! Mein Freund komme in seinen Garten und esse von seinen edlen Früchten.“

Das ist noch nicht ganz das Niveau von Stefan George, das würde so tönen.

Saget mir, auf welchem pfade
Heute sie vorüberschreite,
Daß ich aus der reichsten lade
Zarte seidenweben hole,
Rose pflücke und viole,
Daß ich meine wange breite,
Schemel unter ihrer sohle.

Die Frage ist natürlich, wie kommt die Erotik ins Paradies? Die Antwort darauf ist einfach. Die christlichen Taliban deuten das um, behaupten, dass das Hohelied von der Liebe zwischen Gott und seinem auserwählten Volk kündet, bzw. zwischen Christus und der Kirche, bzw. von der Liebe zu Maria. So gesehen ist Dante die Kirche im Kleinformat. Der eine startet bei Beatrice und landet bei der Theologie, die Talibans starten bei der Erotik und landen bei Maria. Wäre Freud jetzt nicht selber so ein Spezialfall eines Talibans, dann würde man von Sublimierung sprechen. Bei Talibans mag das zutreffen, da ist Kunst lediglich Sublimierung, beim Rest der Menschheit ist es mehr, da offenbart die Kunst eine ganz objektive Wahrheit. Die Frage, die Freud offenläßt, ist die Richtung der Sublimierung. Die Sublimierung allein reicht nicht, um den Wert eines Kunstwerkes zu beurteilen, also irgendwie je sublimierter, desto besser. Damit es einschlägt, muss es einen Wahrheitsgehalt haben. Sublimieren die einen beim Erschaffen und die anderen bei der Rezeption, dann wird das nix. Sie müssen sich irgendwo treffen, und sie treffen sich da, wo das Kunstwerk authentisch ist, also wahr. Dass die Anwendung der freudschen Psychoanalyse bei den Professorchen so beliebt ist, ist nachvollziehbar. Denn ob die Pullulierung des „Wissenschaftsbetriebes“ lediglich der Förderung der Karriere dient oder eine weitgehend ziel- und planlose Subblimierung vorliegt, läuft letztlich auf das Gleiche hinaus. Wer, wie die verbeamteten Geistlichen von Textproduktion spricht, der meint Pullulierung, also Sublimierung irgendwohin.

Wie einst zum jüngsten Aufgebot sich schwingen
Die Seligen werden, die in Gräben lagen
Dass laut ihr Halleluja wird erklingen

So hoben hundert um die Gotteswagen
Von Dienern sich ad vocem tanti senis
Und Boten, die das ewige Leben tragen

Die erste Terzine beschreibt das jüngste Gericht. Beschrieben ist das Jüngste Gericht unter anderem im Evangelium des Matthäus (Matthäus 24): Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit, und werden vor ihm alle Völker versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zu seiner Linken.Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt.Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dich gespeist? oder durstig und haben dich getränkt? Wann haben wir dich als einen Gast gesehen und beherbergt? oder nackt und dich bekleidet? Wann haben wir dich krank oder gefangen gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und sagen zu ihnen: Wahrlich ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränkt. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich nicht beherbergt. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich nicht besucht. Da werden sie ihm antworten und sagen: HERR, wann haben wir dich gesehen hungrig oder durstig oder als einen Gast oder nackt oder krank oder gefangen und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden in die ewige Pein gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Aus dieser Stelle lässt sich übrigens kaum herauslesen, dass die, die gelebt haben, bevor Jesus auf die Welt kam, für immer in der Hölle schmoren, wie Dante das darstellt. Herauslesen lässt es sich, mit viel Mühe, aus dem Evangelium des Johannes (Johannes, 5, 22-24): Auch richtet der Vater niemand, sondern er hat das Gericht ganz dem Sohn übertragen,damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt auch den Vater nicht, der ihn gesandt hat. Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen.

Hier wird die Sache also unspezifischer. Man kann die Stelle so verstehen, dass es nicht reicht, die Werte zu respektieren, die Jahwe verkündet, man muss ihn höchst selbst verehren. Das ist logisch, denn für die Begründung der Werte bedarf es keines Christentums, die werden, wenn den Leuten nicht irgendeine Ideologie mal wieder den Verstand ausgeknipst hat, ohnehin eingehalten. Jahwe hat aber einen imperialen Anspruch, so eine Fußballmannschaft im Himmel wie bei den Griechen wird nicht geduldet. Zweites Moses 6, 2ff: Und Gott redete mit Mose und sprach zu ihm: Ich bin der HERR und bin erschienen Abraham, Isaak und Jakob als der allmächtige Gott; aber mein Name HERR ist ihnen nicht offenbart worden.Auch habe ich einen Bund mit ihnen aufgerichtet, daß ich ihnen geben will das Land Kanaan, das Land ihrer Wallfahrt, darin sie Fremdlinge gewesen sind. Auch habe ich gehört die Wehklage der Kinder Israel, welche die Ägypter mit Frönen beschweren, und habe an meinen Bund gedacht. Darum sage den Kindern Israel: Ich bin der HERR und will euch ausführen von euren Lasten in Ägypten und will euch erretten von eurem Frönen und will euch erlösen durch ausgereckten Arm und große Gerichte und will euch annehmen zum Volk und will euer Gott sein, daß ihr's erfahren sollt, daß ich der HERR bin, euer Gott, der euch ausführt von der Last Ägyptens und euch bringt in das Land, darüber ich habe meine Hand gehoben, daß ich's gäbe Abraham, Isaak und Jakob; das will ich euch geben zu eigen, ich, der HERR.

Die Kinder Israels sollen also anerkennen, dass er der HERR ist, nur die Werte übernehmen reicht also nicht, denn dann braucht man keine Kirche mit ihrem ganzen Hokuspokus.

Mehr Schwierigkeiten bereitet die zweite Terzine.

So hoben hundert um die Gotteswagen
Von Dienern sich ad vocem tanti senis
Und Boten, die das ewige Leben tragen

Das ist jetzt wieder weitgehend sinnfrei. Betrachten wir das italienische Original.

cotali in su la divina basterna
si levar cento, *ad vocem tanti senis*,
ministri e messaggier di vita etterna.

so hoben sich aus dem himmlischen Wagen
den Stimmen dieser Alten folgen
Diener und Boten des ewigen Lebens

Das „ad vocem tanit senis“ ist Latein und bedeute, mehr oder weniger, „auf Befehl dieser Alten“. Auf Geheiß der Greise also, die das Alte Testament symbolisieren, steigen die Diener und Boten des ewigen Lebens aus dem Wagen.
Wo das herstammt, das „ad vocem tanit senis“ hat der Autor nicht ausfindig machen können, unter Umständen von Dante selber, obwohl er normalerweise nur dann auf Lateinisch zitiert, wenn sie fester Bestandteil der christlichen Liturgie sind.

Hier scholl es „bendictus tu qui venis“,
Mit Blumen Weg und Wagen überdeckend,
Dort „manibus o date lilia plenis“

Das „benedictus tu qui venis“, „gesegnet seist du, der da kommt“, ist aus dem Evangelium des Johannes 12, 13: „Des andern Tages, da viel Volks, das aufs Fest gekommen war, hörte, daß Jesus käme gen Jerusalem, nahmen sie Palmenzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrieen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des HERRN, der König von Israel!“ Genau genommen zitiert Dante nur einen Teil, ganz zitiert hätte man „Benedictus qui venit in nomine Domini“, „Gesegnest seist du der da kommt im Namen des Herrn.“
Das „Manibus o date lilia plenis“ stammt aus der Aeneas des Vergil, Aeneis, 6, 880 ff:

non illi se quisquam impune tulisset
obvius armato, seu cum pedes iret in hostem
seu spumantis equi foderet calcaribus armos.
heu, miserande puer, si qua fata aspera rumpas,
tu Marcellus eris. manibus date lilia plenis
purpureos spargam flores animamque nepotis
his saltem accumulem donis, et fungar inani
munere

Nie hätte sich jenem in Waffen
Straflos einer genaht, ob zu Fuß er drängt in die Feinde
Oder dem schäumenden Ross er den Sporn eindrückt' in die Flanken.
Jüngling, des Mitleids wert, du wirst (o brächst du die harte
Schickung!) Marcellus dereinst! Bringt Lilien ihm mit gefüllten
Händen; ich streu auf den Weg ihm Purpurblumen, des Enkels
Geist durch das schwache Geschenk zu erfreun und der nichtigen Gabe Pflicht zu erfüllen..

Sie fragen sich jetzt natürlich, wie sich Dante so einen Krampf merken konnte und ob er das manibus date lilia plenis aus dem Kopf zitiert hat. Da würde der Autor sagen, dass er es aus dem Kopf zitiert hat, ist ja nicht weiter schwierig, aber nur wer überall nach Lilien sucht, die ja schon im vorigen Geschmetter eine Rolle spielen, wird sich überhaupt darin erinnern. Dem unbedarften Leser wäre das gar nicht aufgefallen, er hätte ihm auch Gänseblümchen, das ist Jacke wie Hose, geben können. Die Frage aber, wieso die Lilie für Reinheit steht, bleibt weiterhin ungeklärt.

Oft sah ich schon Auroren freundlich weckend
Den Osten angehaucht von Rosengluten
Und rings das Himmelsblau sich klar erstreckend

Indem sich hob die Sonne auf den Fluten
Zu matterm Glanz gedämpft von Dunstgeweben
Dass ungestraft die Augen auf ihr ruhten


Das ist von der Übersetzung her soso lala, man könnte auch sagen haarscharf vorbei ist eben auch daneben.

Io vidi già nel cominciar del giorno
la parte oriental tutta rosata,
e l'altro ciel di bel sereno addorno;

e la faccia del sol nascere ombrata,
sì che per temperanza di vapori
l'occhio la sostenea lunga fiata:

Ich sah schon als es dämmerte
den Osten ganz in Rot erglühn
und des Himmels Rest in Klarheit strahlen

sah auch die Sonne steigen schon verhüllt
und weil der Dampf gedämpft das Licht
das Auge lang ertrug der Sonne Strahlen

hm. Sie suchen jetzt irgendeinen Tiefsinn in diesen Versen, richtig? So irgendwie was nach Rilke.

Und du erwartest, erwartest das eine
das dein Dasein unendlich vermehrt
das Mächtige, Ungemeine, das Erwachen der Steine
Tiefen Dir zugekehrt

Das erwarten Sie doch von Dichtung oder, dass sie irgendwie den Vorhang runterreisst und den Blick freigibt auf eine neue Welt. Ich glaub, ich muss Sie da wirklich enttäuschen. Dante will uns sagen, dass das Wetter manchmal gut ist und manchmal schlecht. Ist das Wetter gut, dann dann erscheint die Sonne eben unbedeckt, und wenn man dann allzulange reinschaut, kriegt man Probleme mit den Augen. Ist es aber diesig, dann sehen Sie die Sonne nur als matte Scheibe oder gar nicht, und dann können Sie da stundenlang draufschauen. Wir verstehen allmählich immer besser, warum Dante ständig die Musen anruft. Die Musen kommen nicht, ums Verrecken nicht, und sie können auch nicht kommen, weil die verquaste sprachliche Beschreibung einfacher Sachverhalte nicht ihr Zuständigkeitsbereich ist. Wir können hier nicht klären, was Kunst ist und wie sie funktioniert, das umfassendste Werk zu diesem Thema ist die Ästhetische Theorie von Theodor W. Adorno. Soviel können wir aber sagen. Lässt sich ein Gedicht ohne Informationsverlust in einen schlichten Hauptsatz überführen, dann waren die Musen abwesend. Nochmal ein Beispiel, wieder von Theodor Storm.

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
Ich nahm es so im Wandern mit,
Auf daß es einst mir möge sagen,
Wie laut die Nachtigall geschlagen,
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.

Wer jetzt behauptet, dass das gleichbedeutend ist mit dieser Aussage, der stellt sich einfach ein bisschen bockig an: „Der Autor teilt uns mit, dass er auf der letzten Wanderung, die er im Sommer unternommen hat, ein Blatt aufhob und dieses aufbewahrte, damit es ihn daran erinnere, wie die Nachtigall sang, bzw. an das Grün des Waldes zum Zeitpunkt seiner Wanderung.“ Wir wissen also alle, was ein Gedicht ist, es ist irgendwas jenseits der Sprache, jenseits der Schilderung von reinen Tatsachen, auch wenn wir nicht genau erklären können, was es ist. Um ein Gedicht zu schreiben, muss man also tatsächlich irgendwie von den Musen geküsst werden. Bei Dante allerdings haben wir es mit der Darstellung eines eklektisch zusammengesuchten Weltbildes in Terzinenform zu tun, hierfür bedarf es der Musen nicht. Dies hier

Ich sah schon als es dämmerte
den Osten ganz in Rot erglühn
und des Himmels Rest in Klarheit strahlen

sah auch die Sonne steigen schon verhüllt
und weil der Dampf gedämpft das Licht
das Auge lang ertrug der Sonne Strahlen


hätte man auch fast so schreiben können: Manchmal ist der Himmel wolkenfrei, die aufgehende Sonne taucht dann, an der Stelle wo sie aufgeht, den Himmel in ein intensives Rot. Manchmal ist der Himmel jedoch bewölkt. Da die Sonnenstrahlen dann gedämpft sind, können wir auch in die Sonne schauen. Dante kann also die Musen anrufen bis der Arzt kommt, sie werden nicht kommen, weil sie sich für reine Sachaussagen nicht zuständig fühlen. Ein weiteres Problem ist aber auch noch der Kontext, in den Dante solche Schilderungen einbaut. Er vergleicht die aufgehende Sonne mit Beatrice, die in einer Wolke von Blumen eingehüllt ist.

So hier: Von Blumenwolken rings umgeben,
Aus Engelshand geworfen und im Tanze
Zu Boden fallend, sah ein Weib ich schweben

Im weißen Schleier unterm Ölblattkranze
Im grünen Mantel, darunter das Gewand
Erglühte mit lebendigem Feuerglanze

Beatrice hat also eine grünen Mantel an und dieser Mantel glüht hell wie Feuer und ähnlich wie bei der Sonne, die von Wolken bedeckt ist, ist Beatrice von einer Blumenwolke verdeckt. Das mag als Bild, also tatsächlich gemalt, sogar noch möglich sein, das Bild unten zeigt die Szene.

Und es ist wohl offensichtlich so, dass die Divina Commedia sehr viele Künstler inspiriert hat, denn Illustrationen der einzelnen Szenen gibt es ohne Ende, nur als Dichtung ist sie eben schwach.

Und durch mein Herz, dem manches Jahr entschwand,
Seitdem wie einst es ahnungsvoll und bebend
Vor ihrem Antlitz süße Frucht empfand

Eh sie das Auge wahrnimmt, quillt bebend
Durch‘ s Herz mir, aus geheimer Kraft entflossen
Die alte Liebe wieder, Wunder webend

Das ist jetzt nicht wirklich das italienische Original.

E lo spirito mio, che già cotanto
tempo era stato ch'a la sua presenza
non era di stupor, tremando, affranto,

sanza de li occhi aver più conoscenza,
per occulta virtù che da lei mosse,
d'antico amor sentì la gran potenza.


Und mein Geist der seit so langer Zeit
die Erschütterung ihrer Gegenwart nicht mehr hat erfahren
stand zitternd und erschöpft

und ohne dass die Augen sie erkannten
Durch eine geheime Kraft die von ihr strömte
ließ mich erfahren, die Kraft der alten Liebe

Was wir mit diesen Terzinen anfangen sollen, wissen wir jetzt natürlich auch nicht. Die alte Liebe, also seine Empfindungen zu Beatrice in früherer Zeit, war wohl das, was man so mehr oder weniger kennt, also durchaus irdisch, himmlisch vielleicht, aber mit starkem terrestrischen Bezug, der Himmel auf Erden sozusagen. Jetzt soll sie ihm aber eine Führerin sein in den Himmel ohne Erde, soll ihn also irgendwie gen Himmel tragen. Und damit haben wir ein allgemeines Problem der Sprache, irgendwie lassen sich beliebig viele Wörter aneinanderreihen, ob sie aber noch irgendetwas Konkretes beschreiben, ist manchmal weitgehend unklar, bzw. in diesem Falle reichlich theoretisch. Die Liebe die nach oben steigt und die terrestrische werden begrifflich vermengt und hypostasiert, dass es es eine himmlische Liebe, die nach Gott strebt, überhaupt gibt.

Sobald sich strahlend meinem Blick erschlossen
Die hohe Kraft, die frühe schon dem Knaben
So manchen Schmerzenspfeil ins Herz geschossen

Kehr ich mich um – wie‘ s Kinder an sich haben
Die, wenn sie Leid bedrückt oder ein Phantom
Erschreckt, sich gern am Trost der Mutter laben

Um zu Vergil: „Kein Atom
Durchkreist mein Blut, das sich nicht bang verzehre
Den es umwogt mich alter Gluten Strom“

Also: Er hat Beatrice noch nicht erkannt, aber es geht eine geheime Kraft von ihr aus, die die Gefühle in ihm erweckt, die in seiner Jugendzeit die leibhaftige Beatrice erweckte. Daraufhin dreht er sich um zu Vergil, um diesem seine Empfindungen mitzuteilen, weil er sich Vergil Trost erhofft. Der ist aber nun endgültig weg.

Da trifft mein Auge rings ins Leere
Virgil ist fort, mein Vater, Trost und Licht,
Virgil, den mir zum Heil gesandt die Hehre!

Was Vergil ihm darauf hätte antworten sollen, ist weitgehend unklar.

Was Eva uns verscherzte langte nicht,
Dass mir‘ s mit Zähren folgt neu zu trüben wehrte
Mein jüngst im Tau geklärtes Angesicht

Das ist jetzt erstmal völlig unverständlich. Der erste Schritt ist zu schauen, ob das italienische Original sinnstiftend ist.

né quantunque perdeo l'antica matre,
valse a le guance nette di rugiada,
che, lagrimando, non tornasser atre.

Und nicht mal das, was durch die Urmutter ward verspielt durch ihre Sünde
konnte hindern, dass die Wange, die im Tau gereinigt
nicht wieder ward verschmutzt von Tränen

Es wird also nicht wirklich besser. Die Urmutter, die antica matre, ist Eva, die hat das Paradies verscherzt. Dante ist ja jetzt auf dem Weg ins selbige, für ihn ein Leichtes, uns trennen hiervon noch drei Gesänge mit unendlich vielen Ostereiern, er müsst also hocherfreut sein. Das ist er aber nicht, selbst die Aussicht auf‘ s Paradies kann nicht verhindern, dass er jetzt erstmal in Tränen aufgelöst ist, bzw. die Tränen die Wangen verschmutzen, die ihm Vergil im ersten Gesang des Läuterungsberges vom Schmutz der Hölle gereinigt hatte.

Am Strand hier sah ich, wie sanft ausgebreitet
Virgil auf‘ s feuchte Gras die Hände reckte
Dass ich, von seiner Absicht recht geleitet

Mein tränend Antlitz ihm entgegenstreckte
Bis er die alte Farbe ihm und Glätte
Zurückgab, die der Höllenqualm noch deckte

Zu den zwei Terzinen oben würden wir ja schlicht sagen, sie sind hirnrissig. Das ist für die schlichte Mitteilung, dass sein Busen jugendlich erschüttert war und zwar derart, dass er in Tränen ausgebrochen ist, reichlich viel Aufwand. Dante verwechselt Lyrik mit Kreuzworträtsel. Das dürfte System haben. Bei Goethe ist da so umschrieben:

Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen;
Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte läßt sich trefflich glauben,
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.

Wer sich angewöhnt hat, an irgendwelche Wortgebilde à la Thomas von Aquin zu glauben, die nicht mal eine Realität beschreiben, der wird noch weniger in der Lage, etwas zu beschreiben, was sich der Beschreibung entzieht, den Letzteres verlangt noch mehr die Kraft zu Authentizität als Ersteres. Hätte Dante das Verfahren von Vergil angewendet, der ja auch Systeme referieren konnte, die erst 1200 nach seinem Tod überhaupt entstanden sind, dann hätte er bei Wittgenstein etwas lernen können: Was sich sagen lässt, lässt sich einfach sagen. Bis dahin ist Wittgenstein zuzustimmen. Der andere, viel berühmtere Satze, nämlich „die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, ist natürlich Mumpitz. Denn ganz unstrittig ist Kunst eine Form der Kommunikation, was sie aber sagt, lässt sich nicht sagen, sie ist, mit Adorno gesprochen, das Nichtidentische.

Wir kommen jetzt zum großen Show down, Beatrice richtet das Wort an Dante. Und was macht die dumme Kuh, nachdem sie ihm nach dreißig Jahren wieder begegnet ?

„Dante! Ob auch Vergil von dir sich kehrte,
O weine nicht – noch nicht! Du wirst noch weinen“,
sprach sie, „verwundet erst vom anderen Schwerte“

Das Mädel mag ja ganz hübsch gewesen sein, aber sie brabbelt einen ziemlich altklugen Mist daher, insbesondere auch deswegen, weil sie so früh gestorben ist, dass sie gar keine Sünden begehen konnte, daraus erklärt sich nämlich, dass sie es in Rekordzeit ins Paradies geschafft hat, Statius musste ja immerhin vierhundert Jahre im Läuterungsberg schmoren.

Gleichwie der Admiral pflegt zu erscheinen
Auf hochgebautem Schiff, um hier und dort
Zu mustern, anzufeuern all die Seinen

So thronend auf des Wagens linkem Bord
Sah ich – als ich mich bei dem Namen wandte
Dem hier der Zwang nur gönnt bescheidenen Ort

Beatrice sitzt also auf dem Wagen wie ein Admiral auf seinem Schiff, das nehmen wir jetzt einfach mal so hin. Hammerhart finden wir aber die Zeile „Dem hier der Zwang nur gönnt bescheidenen Ort“ oder „…che di necessità qui si registra…“. Dante erläutert uns also das, was er im Convivio, der nie fertig gestellten Zusammenfassung des Wissens seiner Zeit, bereits ausgeführt hat. Der Dichter soll sich nicht selber nennen. Die Bescheidenheit gereicht ihm natürlich zur Ehre, in Anbetracht der Tatsache aber, dass er praktisch nur von sich redet und wir inzwischen ja auch wissen, dass Dante ganz höchstpersönlich durch die Hölle über den Läuterungsberg ins Paradies wandert, finden wir das natürlich ziemlich albern.

Das Weib, das mir vorhin der ausgespannte
Streublumenfächer kaum zu sehen erlaubte
Wie sie von drüben mir Blicke sandte

Ob mir der Schleier, der ihr floss vom Haupte
Wie auch der Pallas Laub in ihren Haaren
Des Anblick Anblicks Vollgenuss noch immer raubte

Beatrice war also hinter dem oben schon erwähnten Blumenschleier wie die Sonne hinter einer Dunstwolke versteckt. Zusätzlich trug sie noch Pallas Laub (le fronde di Minerva). Pallas Laub für das Laub der Minerva haut so in etwa hin. Pallas ist der Beiname der Göttin Athene, Dante benutzt aber die römische Bezeichnung, Minerva. Der Schleier der Minerva ist ein Olivenzweig. Der Olivenzweig taucht sowohl in der christlichen wie auch in der griechischen Mythologie auf. Einmal im 1. Buch Mose, 8 ff: „Darnach ließ er eine Taube von sich ausfliegen, auf daß er erführe, ob das Gewässer gefallen wäre auf Erden. Da aber die Taube nicht fand, da ihr Fuß ruhen konnte, kam sie wieder zu ihm in den Kasten; denn das Gewässer war noch auf dem ganzen Erdboden. Da tat er die Hand heraus und nahm sie zu sich in den Kasten. Da harrte er noch weitere sieben Tage und ließ abermals eine Taube fliegen aus dem Kasten. Die kam zu ihm zur Abendzeit, und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug's in ihrem Munde. Da merkte Noah, daß das Gewässer gefallen wäre auf Erden. Aber er harrte noch weiter sieben Tage und ließ eine Taube ausfliegen; die kam nicht wieder zu ihm. Im sechshundertundersten Jahr des Alters Noahs, am ersten Tage des ersten Monats vertrocknete das Gewässer auf Erden. Da tat Noah das Dach von dem Kasten und sah, daß der Erdboden trocken war. Also ward die Erde ganz trocken am siebenundzwanzigsten Tage des zweiten Monats.“ Zum anderen auch in der griechische Mythologie: Athene und Poseidon wollten beide Namensgeber von Athen werden.Derjenige sollte Namensgeber werden, der der Stadt das nützlichste Geschenk vermachte. Poseidon bohrte einen Brunnen, aus dem kam aber nur Salzwasser. Athene stieß ihr Schwert in den Boden und es enstand ein Olivenbaum. Dieser ist dann, wie sattsam bekannt, ausgesprochen sinnvoll. Anspruchlos und nahrhaft krallt er sich noch in den steinigsten Berghang, was vor Erosion schützt.

„Ich bin‘ s! Beatrice – glaubst du‘ s jetzt?
War‘ s lohnend nun, den Heilsberg zu ersteigen
Der alles Menschenglück zum Ziel sich setzt?“

Das ist natürlich jetzt typisch Frau. Solange die Trulla noch auf der Erde weilte, hat sie natürlich darauf gewartet, dass Dante sie anspricht und keinen Pieps von sich gegeben. Jetzt, wo sie im Himmel, weitgehend ohne eigenes Zutun, gewaltig die Karriereleiter emporgestiegen ist, spielt sie natürlich la grande dame. Hätte sie mal auf Erden den Mund aufgemacht, dann wäre das vielleicht was geworden mit Dante und Beatrice. Die zwei hätten sich ja dann auf ein Landgut zurückziehen, Spaß haben und zuschauen können, wie sich verschiedenen Parteien in Florenz die Köpfe einschlagen.

Ich musste meine Stirn zum Bache neigen,
Doch wandte ich zu den Gräsern mich geschwind,
Weil die kein schamrot Antlitz spiegelnd zeigen

Allein der Anblick von Beatrice lässt ihn jetzt beschämt nach unten blicken, da fragt man sich natürlich, was er eigentlich angestellt hat.

So streng erscheint die Mutter wohl dem Kinde
Doch wer gerecht Erbarmen will genießen
Weiß, dass er hierbei Vorgeschmack empfinde

Das ist jetzt natürlich wieder weitgehend sinnfrei, das Original sieht so aus.

Così la madre al figlio par superba,
com'ella parve a me; perché d'amaro
sente il sapor de la pietade acerba.

So stolz erscheint dem Kind die Mutter
wie sie mir schien, weil der Geschmack
de Mitleids bitter schmeckt

Also Beatrice hat Mitleid mit ihm, weil der Bengel irgendwas ausgefressen hat, was wissen wir nicht, werden es aber bald erfahren. Und er scheint sich wiederum dafür zu schämen, dass sie mit ihm Mitleid hat.

Sie schwieg, worauf die Engel schallen ließen
Den Psalm „In te speravi domine“
Um ihn bei pedes meos zu beschließen


Sie singen also den Psalm 30 und daraus 1 bis 9

1 In finem Psalmus David pro extasi
2 In te Domine speravi non confundar in aeternum in iustitia tua libera me
3 Inclina ad me aurem tuam adcelera ut eruas me esto mihi in Deum protectorem et in domum refugii ut salvum me facias
4 Quoniam fortitudo mea et refugium meum es tu et propter nomen tuum deduces me et enutries me
5 Educes me de laqueo hoc quem absconderunt mihi quoniam tu es protector meus
6 In manus tuas commendabo spiritum meum redemisti me Domine Deus veritatis
7 Odisti observantes vanitates supervacue ego autem in Domino speravi
8 Exultabo et laetabor in misericordia tua quoniam respexisti humilitatem meam salvasti de necessitatibus animam meam
9 Nec conclusisti me in manibus inimici statuisti in loco spatioso pedes meos

Jetzt kommt wieder ein Vergleich, also festschnallen.

Wie auf Italiens Rückgrat – schickt die See
Slowoniens scharfen Sturm – an jedem Stamme
Zu Eisgebilden friert der lockre Schnee

Doch sickernd dann zerfällt zu weichem Schlamme
Weil es nicht kann im Hauch der Syrten währen
Der ihn wie Wachs lässt träufeln an der Flamme

Das Problem ist, man kann jetzt zwar versuchen zu verstehen, aber ein wirklich gewichtiges Problem löst man damit nicht. Schauen wir uns also das italienische Original an.

Sì come neve tra le vive travi
per lo dosso d'Italia si congela,
soffiata e stretta da li venti schiavi,

poi, liquefatta, in sé stessa trapela,
pur che la terra che perde ombra spiri,
sì che par foco fonder la candela;

Wie der Schnee in Hölzern
Auf dem Rücken Italiens gefriert
angeweht von den Winden des Ostens

dann, geschmolzen, versickert
weil die Erde die keine Schatten hat bläst
so wie das Feuer läßt den Wachs schmelzen

Die „venti schiavi“ sind die Winde, die auch Slowenien kommen, da gibt es heute nach dem Verfall Jugoslawiens tatsächlich eine Staat, der so heißt, das muss wohl einen Grund haben und offensichtlich hieß die Gegend schon zu Dantes Zeiten so. Bei der terra tippen italienische Kommentatoren, und wir gehen jetzt einfach mal davon aus, dass sie Recht haben, auf Afrika. Dort steht zweimal im Jahr die Sonne senkrecht am Himmel und dann gibt es keine Schatten. Was er uns sagen will, ist, dass er zuerst gefroren war, wie der Schnee in den Hölzern auf den Appeninnen und als dann die Engel angefangen haben zu singen, ist er dahin geschmolzen wie Butter in der Sonne, war also ganz gerührt.

So stand ich ohne Seufzer, ohne Zähren,
Bevor die Engel sangen, die da singen
Im Einklang mit der Harmonie der Sphähren

So herzerweichend aber hört ic klingen
So mitleidweckend tönen ihren Sang
Als rief‘ s: Warum ihn in Zerknirrschung bringen?

Im Grunde verstehen wir aber nur Bahnhof. Also als die Trulla aufgetaucht ist, also die Beatrice, war er tief beschämt ob der Schwere seiner Sünden, welche auch immer, das war wohl der Eiszustand. Dann hat ihm Beatrice mitgeteilt, dass er sich jetzt erstmal anständig schämen soll, das gehört sich so (…Doch wer gerecht Erbarmen will genießen…). Dann haben die Engel den lateinischen Quark da oben zu trällern begonnen und da wurde ihm ganz weich ums Herz, die Tränen flossen. Das ist natürlich jetzt ein gewaltiger Aufwand für die Beschreibung dieser Emotion und derartig verdreht dargestellt, dass wir doch enorme Probleme haben, in die Gefühlswelt Dantes einzudringen. Es wäre auch kürzer gegangen, da verseht man in etwa die Emotion. Bei Goethe klingt das so.

O tönet weiter süße Himmelstöne
Die Träne quillt
Die Erde hat mich wieder

Goethe, Faust

Was Dante im übrigen da gehört hat, wissen wir nicht, eine vertonte Version des Palm 30 haben wir hier

http://www.youtube.com/watch?v=hdFARnP2O8U

Es kann ja Lieder geben, wo der Autor hin und wech ist, aber der Psalm 30 gehört nicht dazu. Dante auf jeden Fall ist tief gerührt.

Allerdings stellt der Chor der Engel, der den Palm schmettert, eine Frage, die wir uns auch stellen: Warum ihn in Zerknirrschung bringen? Das fragen wir uns auch, stellen aber fest, dass die Engel noch nicht im Läuterungsberg waren, denn sonst wüssten sie, dass in den Himmel nur derjenige kommt, der die Busse nicht nur zähneknirrschend akzeptiert, sondern sie herbeisehnt.

Da schmolz das Eis, das angsvoll mich umschlang,
Zu Hauch und Wasser, bis mit Seufzerklagen
Und Tränen mir des Herzens Fessel sprang.

Das ist also die Dante Variante von „tönet weiter süße Himmelstöne, die Träne quillt, die Erde hat mich wieder“. Der Vergleich mit dem Eis, welcher sich auf das Eis in den Hölzern auf den Apeninnen (Italiens Rücken) bezieht, ist dann natürlich so insgesamt reichlich durch die Brust, ins Knie ins Auge, also alles weit hergeholt. Jetzt wird es ganz raffiniert.

Sie stand erhoben noch in ihrem Wagen,
Zum Chor der Selgen wendend ihr Gesicht
Und sprach: „In ewig wandellosen Tagen

Rollt euch der Zeitenstrom dahin zu Licht
So dass Schlaf, die Spende irdscher Nächte
Den Gang der Weltenuhr euch unterbricht

Drum ziemt‘ s sich‘ s, dass ich dessen wohl gedächte
Der drüben weint, klar soll mein Wort ihm sein
Dass es ihm Schuld und Schmerz ins Gleichmaß brächte

So ungefähr geht das. Betrachten wir das italienische Original.

«Voi vigilate ne l’ etterno die,
sì che notte né sonno a voi non fura
passo che faccia il secol per sue vie;

onde la mia risposta è con più cura
che m'intenda colui che di là piagne,
perché sia colpa e duol d'una misura.


Ihr wacht im nimmer endenden Tag
so dass weder Nacht noch Traum euch bleibt verborgen
im Gang der Zeiten

meine Antwort ist als mehr für den bestimmt
der auf der anderen Seite weint
damit seine Schuld in Einklang stehe mit dem Schmerze

Also was Beatrice sagen will, wir sehen also jetzt schon ganz deutlich, dass sie von einer hübschen jungen Frau zur angestaubten Theologie mutiert ist, ist das. Die Engel sind immer wach und betrachten die Erde so, dass ihnen nichts entgeht, auch nicht das, was nachts geschieht. Interessant ist das „ne sonno“, sonno, Standarditalienisch sogno (Schlaf / Traum). Die Engel sehen also auch die Träume. Der Autor würde ja eher sagen, dass es da nicht viel zu sehen gibt, weil im Traum, auch wenn Freud das anders sieht, das Gehirn einfach blind feuert. Der Autor hatte noch nie den Eindruck, dass da irgendwas Tiefsinniges zutage tritt, aber wir fragen uns natürlich, welche Vorstellung Dante mit dem Traum verbindet und warum sich die Engel den anschauen sollen. Oben hatte er ja schon geschrieben, dass die Träume der Morgendämmerung die Zukunft offenbaren, aber jetzt geht es wohl mehr so Richtung Nietzsche:

Wahrlich, das grad ist Dichters Werk,
dass er sein Träumen deut und merk,
glaubt mir des Menschen wahrster Wahn
wird ihm im Traume aufgetan

Ist Dante jetzt der Meinung, dass bei der Träumerei nur Schmuddelkram rauskommt? Das Merkwürdigste an dieser ganzen Traumdeuterei ist übrigens die Tatsache, dass erst Ernst Bloch in „das Prinzip Hoffnung“, den Tagtraum beschreibt. Der ist nämlich tatsächlich interessant, bei diesem liegt das Gehirn nicht flach, die Widrigkeiten der Realität werden nur spielerisch etwas nach hinten verlagert, so dass eine Welt imaginiert wird, wie sie sich der Träumer wünscht, unabhängig von der konkreten Chance auf Realisierung. Diese Tagträume sagen dann auch tatsächlich etwas über den Träumenden aus. Es soll ja Leute geben, die davon träumen, einen Beitrag zu leisten, wie diese Welt in Ordnung gebracht werden kann und andere, die davon träumen, andere Leute auf‘ s Kreuz zu legen. Das macht dann schon einen Unterschied. Weiter ist es so, dass der Tagtraum die Menschheit voranbringt, der Nachttraum nicht wirklich. Wie dem auch immer sei, bei Dante schauen die Engel den Menschen beim träumen zu.

Nicht mit der ewigen Kreise Kraft allein
Die jedem Samen weiß zum Ziel zu lenken
Wie es die Gunst der Sterne lässt gedeihen

Nein, auch mit Gottes gültigen Geschenken
Die aus so dichtverhüllten Wolken schweben
Dass sie erforscht kein Auge und kein Denken

War der begabt in seinen Kindheitstagen
Um früh und wunderbar durch gute Taten
Sich zu bewähren und emporzuheben

Das ist mal einigermaßen interessant, da schauen wir uns mal das italienische Original an.

Non pur per ovra de le rote magne,
che drizzan ciascun seme ad alcun fine
secondo che le stelle son compagne,

ma per larghezza di grazie divine,
che sì alti vapori hanno a lor piova,
che nostre viste là non van vicine,

questi fu tal ne la sua vita nova
virtualmente, ch' ogne abito destro
fatto averebbe in lui mirabil prova.


Nicht nur durch die Macht der Sphären
die nach der Konstellation der Sterne
Alles was lebt zu seiner Bestimmung führen

doch auch durch die Kraft der himmlischen Gnade
die aus so unendlicher Ferne auf uns niederregnet
dass sie unerreichbar sind für unsere Augen

waren in jenem in seinen Jugendjahren
angelegt alle guten Eigenschaften
die wunderbar in ihm hätten wirken können

Soll heißen, dass die Konstellation der Sterne (stelle) zwar nach weißem Ratschluss (rote magne), das grundsätzliche festlegt, gleichzeitig aber auch durch die göttliche Gnade (larghezza di grazie divine) der Mensch die Möglichkeit hat, darüber hinauszuwachsen. Wie genau verstehen wir zwar nicht, aber das hat was mit dem zu tun, was er schon erläutert hat. Wenn alles durch Vererbung festgefügt wäre, dann wäre das jüngste Gericht sinnlos, man muss sich für die Sünde bzw. gegen die Sünde frei entscheiden können, es muss also jenseits des Festgelegten auch einen Bereich der Freiheit geben. Dante auf jeden Fall war gut ausgestattet mit guten Eigenschaften, wich aber vom geraden Wege ab, warum werden wir noch erfahren, vermuten aber jetzt schon, dass es nichts schwerwiegendes war, also sie haben ihn nicht jeden Abend besoffen aus der Kneipte geholt oder so.

Die Beziehung zwischen angeborenen Eigenschaften und tatsächlicher Ausprägung wird ja auch bei Goethe diskutiert, in Urworte, Orphisch

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Die strenge Grenze doch umgeht gefällig
Ein Wandelndes, das mit und um uns wandelt;
Nicht einsam bleibst du, bildest dich gesellig,
Und handelst wohl so, wie ein andrer handelt:
Im Leben ists bald hin-, bald widerfällig,
Es ist ein Tand und wird so durchgetandelt.
Schon hat sich still der Jahre Kreis geründet,
Die Lampe harrt der Flamme, die entzündet.

Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass Goethe richtiger liegt. Es gibt eine persönliche Disposition und dann gibt es die Umweltfaktoren, die diese verändern, bzw. vorhandene Anlagen entwickeln oder auch nicht. Weiter zeigt sich, dass eine zunehmend komplexe Gesellschaft in der Lage ist, alle möglichen Talente zu entwickeln, auch beruflich, da immer neue Berufsfelder entstehen. So ist der Webdesigner zwar weder ein begnadeter Programmierer, noch ein begnadeter Texter, noch ein begnadeter Künstler, aber er kann einen Mix aus den entsprechenden Fähigkeiten haben, der ihn sehr erfolgreich werden lässt. Es soll sogar Leute geben, die so richtig gar nichts können, aber in Organisationen ausgleichend wirken. Die Frage wie sich Menschen entwickeln, wie man Kreativität fördert und aus den Menschen das Optimum rausholt, ist wohl die zentrale Frage des 21 Jahrhunderts. Ein paar lahme Thomas von Aquin Sprüche, werden hier niemanden weiterbringen, das Thema ist kompliziert und als Problem wohl auch bei den mit Bildung beauftragten Institutionen noch nicht angekommen. Allerdings handelt es sich bei den Verehrern Dantes, also der Philologenmafia, die ja auch Lehrpläne ausbrütet, um genau den Menschentyp, der aufgrund mangelnder Berufs- und Lebenserfahrung, sie haben die eine Hälfte ihres Lebens in der Schule verbracht und die andere an der Uni, immer noch der Meinung ist, dass wir ein dreigliedriges Schulsystem brauchen und Latein das Maß aller Dinge ist. So lang die Jungs was zu sagen haben, muss man sich um die Zukunftsfähigkeit dieser unserer Republik Sorgen machen, denn andere Länder schöpfen das kreative Potential ihrer Bevölkerung aus.

Doch um so schneller werde böse Saaten
Entkeimen und je üppiger gedeihn,
Je kräftiger ungepflegtes Feld geraten

Die Aussage isoliert gesehen ist richtig. Ist der Boden fruchtbar, wächst da alles mögliche. In der Wüste Sahara wächst nicht mal Unkraut. Hiervon unabhängig ist aber die Frage, ob die Metapher irgendwie stimmig ist, sich also auf die Fähigkeiten des Menschen übertragen lässt und dies kann man verneinen. Will uns Dante sagen, dass bei einer dämlichen Dumpfbacke weniger Unkraut wuchert?

Mein Antlitz konnte Kraft zuerst ihm leihn
Aus meinen jungen Augen trank er Helle
Das durften sie ihm sichere Führer sein

Das sehen wir jetzt natürlich anders. Seine Gedichte an Beatrice sind authentisch, echt und schön und beziehen sich auf eine Frau. Dass diese eine reichlich dumme, spießige Kuh war, konnte er noch nicht wissen, denn geredet haben sie nie miteinander, wir sehen also, dass manchmal Schweigen Gold und Reden Silber ist. Sie war wohl schön, und er hat alles Schöne in sie hineinprojeziert, das passiert. Beatrice ist nun allerdings der Meinung, dass das Malheur anfing, als Dante sich von der Theologie abwandte, und das ist der springende Punkt. Das Malheur begann, als er sich dieser zuwandte, die hat ihm mit ihrem Wortschwall eindeutig das Gehirn weggeblasen.

Doch als ich an des zweiten Alters Schwelle
Das Leben tauschte, hat er sich verschwiegen
Entzogen mir, dass anderer Born ihm quelle

Als ich vom Fleisch zum Geist emporgestiegen
An Schönheit zunahm und Vollkommenheiten
Schien seine Liebe langsam zu versiegen

Des Irrtums Bahnen sah ich ihn beschreiten
Sah ihn Altäre falschen Götzen bauen
Die nie gewähren, was sie prophezeiten

Als Beatrice also das zweite Alter begann, also erwachsen wurde und dann, mit 25 Jahren, starb, hat er sich ihr entzogen. Sie wurde also als Geist immer schöner, während Dante anfing Götzen anzubeten (e volse i passi suoi per via non vera = wandte seine Schritte auf falsche Wege). Worin die falschen Wege nun bestanden, erfahren wir nicht genau, sondern nur in Andeutungen im nächsten Getöse.

Anfänglich ließ ich ihn Visionen schauen
ihn wachend oder träumend zu entketten
Doch er rechtfertigte nicht mein Vertrauen

Uns würde jetzt natürlich brennend interessieren, was für Visionen sie ihm da herabsandte. Im nächsten Gesang erfahren wir, dass er wohl noch mit anderen Frauen was hatte, da hätten wir dann eine Vision: Also eine wunderhübsche Frau, so Typ Angelina Jolie / Julia Roberts / Halle Berry, und wenn sie sich zu ihm niederbeugt, um ihn zu küssen, werden ihr Schneidezähne spitz, und sie wird zum Vamp. Ok, ok, nicht besonders originell, aber immer noch besser als gar nix.

Da konnte eins nur den Betörten retten
Eh er dem Heile gänzlich ging verloren
Ihn zu geleiten zu der Hölle Stätten

Wie genau sagt sie das zwar nicht, aber irgendwie kann man sich das vorstellen. Wer weiß, dass er in der Hölle ganz konkret geröstet wird für seine Sünden, dann wird er es unterlassen, das ist also so ähnlich wie mit der Strafe für zu schnelles Fahren.

Selbst stand ich vor des Totenreiches Toren
Den Dichter, der ihn leitete nach oben,
hab ich Tränen zu dem Dienst beschworen

Das wissen wir schon, das beschreibt Vergil ganz am Anfang, dass er von Beatrice geschickt wurde.

Verletzung wär‘ s von Gottes Ratschluss droben
Wenn ihr ihn Lethe überschreiten ließet
Zur Himmelskost, eh ich den Zoll erhoben

Der Reue, die in Tränen sich ergieße

Soll heißen, sie muss ihm jetzt noch eine Strafpredigt halten, die kommt im nächsten Gesang und voyeuristisch wie wir nun mal sind, sind wir gespannt, was Dante so alles angestellt hat.